Ein existentielles Museum für den Menschen des 21. Jahrhunderts

Das Museum H.C. Andersen – ein Ort, an dem sich Wirklichkeit und Märchen begegnen – stellt für die Museumswelt eine absolute Neuheit dar.

Wir leben in schwierigen Zeiten – noch immer geprägt von der Pandemie und aktuell vom Krieg in der Ukraine, aber auch von unserem Alltag mit seinen unzähligen Verpflichtungen und Ortswechseln, Unsicherheit und Stress. Unser Horizont scheint enger zu werden, vorbei sind die Leichtigkeit und Einfachheit, mit denen wir einst Pläne machten. In Zeiten wie diesen brauchen wir besondere Orte, brauchen wir Museen wie das im Sommer 2021 in Odense in Dänemark eröffnete H.C. Andersen Museum. Wer weiss, vielleicht ist es das erste von vielen dieser Art, die noch entstehen werden. Eine Premiere ist es nicht zuletzt, weil es in so enger Zusammenarbeit zwischen dem Architekten und den Museumsplaner:innen entstand, dass die Architektur selbst zum Konzept wurde, zum Teil des Storytellings und der Ausstellung. Das Museumsgebäude ist Behältnis und Inhalt zugleich.

Um den Geist des Projekts zu verstehen, muss man in die Persönlichkeit und das Werk von Hans Christian Andersen eintauchen. Dem bedeutendsten dänischen Schriftsteller, der von 1805 bis 1875 lebte, begegnen die Besucher:innen schon am Eingang des Museums. In einer Tonaufnahme diskutiert er hier mit einer zweiten Stimme, die versucht, seine Biografie zu erzählen. «Ich wurde doch nicht in einem solchen Loch geboren!» Doch, es war ein Loch, in dem Andersen zur Welt kam, das kleine gelbe Haus in der Hans-Jensen-Strasse Nummer 45. Wäre dies nun eine Gedenkstätte, wie wir sie gewohnt sind, so stünden wir jetzt vielleicht im zum Museum gewordenen Geburtshaus des grossen Künstlers, bewahrt und ausgestaltet mit historischen Gegenständen und biografischen Erzählungen. Doch dieses Haus ist etwas vollkommen Neues: ein Ort, der direkt dem Dichter selbst zu entspringen scheint, in dem sich sein Werk und fantastisches Universum manifestieren und ausdrücken, als sei Andersen selbst noch anwesend.

Das Museum wurde mit einem Budget von über 50 Millionen Euro mitten in der Stadt errichtet. Geschaffen wurde es von Kengo Kuma, einem der bedeutendsten japanischen Architekt:innen unserer Zeit. Seit Jahren kritisiert Kuma die Verwendung von Beton und sucht nach Alternativen, er arbeitet mit Holz, Stein, Keramik und Bambus und setzt diese Materialien je nach ihrem emotiven Potenzial und ihren typischen Eigenschaften ein, verbunden mit den Lehren der japanischen Tradition. Wesentlich ist in den Arbeiten von Kengo Kuma die Verwendung des Lichts, mit dem er versucht, ein Gefühl der «räumlichen Unkörperlichkeit» zu schaffen – so auch im H.C. Andersen Museum. Es umfasst ebenerdig und in einem Untergeschoss eine Gesamtfläche von 5.600 Quadratmetern, von denen zwei Drittel unter der Erde liegen, und präsentiert sich nicht so sehr wie ein Museum, sondern eher wie ein grosser Garten, bestehend aus verschiedenen grünen Inseln, mit hohen Hecken, die an Labyrinthe erinnern, mit Teichen, Blumen, Bäumen, Holzstegen und grossen Pavillons aus Glas und Holz, die wie aus der Erde gewachsen scheinen. Alles ist rund und kurvenreich, ohne Ecken und Kanten. «Wir mischen spielerisch Draussen und Drinnen, Natur und Architektur», beschreibt Kreativdirektor Henrik Lübker das Konzept in einem Interview auf der Homepage des Museums. Die Besucher:innen wandeln in einer Welt, die zwischen Wirklichkeit und Märchen angesiedelt ist. In diesem Spiel, dieser Transposition der Ebenen empfängt uns der Garten zu Beginn des Besuchs, spricht unsere Sinne an und bereitet uns darauf vor, die rationale Sphäre zu verlassen und in die Welt der Märchen und Fantasien Andersens einzutauchen.

Synergie zwischen architektonischen Volumen und Geist des Projekts

Henrik Lübker spricht von einem «existentiellen Museum», dessen Ziel es ist, den Menschen einen Ort, ein Universum zu bieten, in dem nichts ist, wie es scheint, und alles, was wir zu wissen und zu kennen glauben, über den Haufen geworfen wird, so dass wir alles neu erleben und erkennen können. Und schon sind wir bei Andersens Märchen, die unsere Fantasie anregen, mit unseren Gewissheiten und Gemeinplätzen spielen, die menschliche Natur untersuchen und Schwächen und Ängste blosslegen, Ehrgeiz und Anmassung, List und Bosheit. Ich denke dabei insbesondere an «Des Königs neue Kleider», «Das hässliche Entlein», «Das Heinzelmännchen beim Speckhöker» und «Der Schatten». Apropos Schatten: In einer der interaktiven Stationen kann man beobachten, wie der eigene Schatten plötzlich ein Eigenleben und verschiedene Formen annimmt, in einer anderen verzaubert uns der Gesang der Meerjungfrauen unter Wasser. In einem der Räume, die mit ihren schön gearbeiteten geometrischen Lichtschächten zum Himmel hin offen sind, kann man sich auf Steine legen und die Himmelskuppel betrachten. Und dann sind da die 20 Matratzen, auf denen die Prinzessin geschlafen hat, und daneben, unter Glas und auf zwei roten Kissen, als handle es sich um ein Schmuckstück, liegt die berühmte Erbse.

Diese perfekte Synergie zwischen den architektonischen Elementen und dem Geist des Projekts wird erweitert durch zwei weitere Akteure, die dazu beigetragen haben, dem Museum eine Form, ein Gesicht und eine Seele zu geben. Zunächst das Studio für Landschaftsarchitektur Masu Planning aus Helsinki und dann die Londoner Agentur Event Communications, die Erlebniswelten entwirft und schon vor dem Architekturentwurf von Kengo Kuma im Spiel war: Diese Agentur erfand die Erzählwelt, durch die Andersens Universum nachgebildet werden kann, und lieferte so die Vorgaben für die architektonische Umsetzung. Heraus kam ein Ausstellungsweg, auf dem jede Passage, jeder Ausblick, jede Kurve und Abzweigung miteinander im Einklang sind. Sie sind zudem Teile der Gesamterzählung dieses Museums, das perfekt entworfen, raffiniert und magisch ist, in dem die Innen- und Aussengärten miteinander verbunden sind und den Geist des Autors und seiner Werke einfangen und wiedergeben. Diese wunderbar unlogische Welt wurde umgesetzt von einem Team aus Kreativen und Technikgenies, preisgekrönten Kunst-, Literatur- und Musikschaffenden sowie Meister:innen des Puppenspiels. Sie alle tobten sich gemeinsam aus mit visuellen Effekten, interaktiven Vorrichtungen, Kinect-Technologie und Ambisonics, die optische Illusionen erzeugen. Binaurale Tonaufnahmen, in 3D kartiert, wurden in den Audioführer eingespeist, so dass man nur den Kopf in die Nähe eines Objekts bringen muss, und schon beginnt es zu sprechen. «Wir möchten den Besucherinnen und Besuchern nicht vorschreiben, was sie hören oder denken sollen, und auch die Narration nicht exzessiv beeinflussen. Unsere Absicht ist es, spontane Emotionen entstehen zu lassen», erläutert der Direktor.

Die menschliche Welt und die natürliche Welt sind eins

In anderen Worten: das Kind in uns wecken, was ja auch wesentlicher Teil von Andersens Ansatz war. Er war ein neugieriger und unermüdlicher Reisender, der gerne zum Besuch eines neuen Landes aufbrach, der stets das Schöne anerkannte, obwohl ihn das Leben anfänglich auf eine harte Probe gestellt hatte. In allen Genres, derer er sich bediente, vom Roman über das Märchen bis zur Lyrik, spüren wir den Mann, der die Augen für die Wirklichkeit öffnete und dennoch nicht die ursprüngliche Unschuld des Empfindens und die Lebensfreude verlor, das Vertrauen in sich selbst und in alle Dinge, die existieren. Andersen sah die Welt der Menschen und die Welt der Natur als Gesamtheit, als eins.

In der Eingangshalle können die Besucher:innen einen Ausstellungsverlauf aus vier Themeninseln und zwölf Stationen auswählen, die bestimmte Momente aus einigen von Andersens Märchen beschreiben. Neben den erwähnten Spezialeffekten gibt es in der Ausstellung übrigens auch 200 Originalartefakte des Autors zu sehen. Zu Beginn, auf der Treppe, geleiten uns einige Zitate Andersens in die Ausstellung: «Wer wäre ich gerne, wenn ich nicht ich wäre? Hans Christian Andersen. Was fürchte ich mehr als alles andere? Mich selbst» oder «Vergesst an glücklichen Tagen den Dichter nicht». Dieser Wunsch wurde erfüllt. Nun bleibt die Hoffnung, dass Odense, die drittgrösste Stadt Dänemarks, in Zukunft mehr Tourist:innen anziehen kann – mehr als die 100.000, die vor der Pandemie anreisten und von denen 70 Prozent aus dem Ausland kamen, vor allem aus Grossbritannien und China.

Der Garten, der auch als grüne Erholungsoase in der Stadt gedacht ist, steht dem Publikum immer offen. Auch dies spiegelt die Botschaft wider, die Andersen an seine Leserschaft richtete und die im 21. Jahrhundert aktueller denn je ist: Wir können unsere Träume auch im Alltag finden und leben.

Natascha Fioretti