Das Museum hat wieder geöffnet – und jetzt?

Mitte des Jahres haben die meisten Schweizer Museen den Betrieb wieder aufgenommen. Während die Institutionen mit Fragen zu Schutz- und Hygienekonzepten und sinkenden Besucher- und Umsatzzahlen konfrontiert sind, sehen manche Akteurinnen und Akteure die Pandemie auch als Chance für die Zukunft und widmen ihr Themenausstellungen oder sammeln Corona-spezifische Objekte.

Mitte Juni konnten Museen ihren Betrieb wieder aufnehmen – doch nichts ist wie zuvor. Der Lockdown ist eine Zäsur, von der nebst Museen sämtliche Kultureinrichtungen betroffen sind. Theater, Oper, Nachtclubs – alle stehen sie vor finanziellen und organisatorischen Herausforderungen. Eine Studie von L’OEil du Public untersuchte im Juni und September, wie sehr die Kulturlandschaft von den COVID-19-Massnahmen betroffen ist. In Abstimmung mit der Konferenz der kantonalen Kulturbeauftragten wurden in zwei repräsentativen Umfragen die Nutzung von Online-Angeboten während des Lockdowns sowie die anschliessende Wiederaufnahme der Kulturbesuche ermittelt.

«Kultur ist das Rückgrat der Schweiz»

Während des Lockdowns vermisste ein Drittel der Befragten das Besuchen von Ausstellungen und Museen. Anfang Juni konnte sich mit Blick auf die Wiedereröffnung jedoch bloss ein Viertel aller Befragten vorstellen, bedenkenlos wieder Kultureinrichtungen zu besuchen – zum Zeitpunkt der zweiten Befragung Anfang September war dieser Anteil gar unter 20 Prozent gesunken. Vor allem Orte mit kleineren, geschlossenen Räumen werden nun eher gemieden. Ein Grossteil der befragten Personen gab im Juni an, mit dem erneuten Besuch von Kultureinrichtungen vier bis fünf Monate warten zu wollen. Im September hat sich der Anteil der Personen, die ihre Besuche erst im Jahr 2021 wieder aufnehmen möchten, deutlich erhöht: Er stieg von 22 auf 42 Prozent. In der Deutschschweiz scheint die Vorsicht mit steigendem Alter zuzunehmen, während die älteren Befragten in der Westschweiz weniger bereit sind als die jüngeren, ihre Kulturaktivitäten einzuschränken.

Laut Eva-Maria Würth, Dozentin für Kunst und Vermittlung an der Hochschule Luzern und Altkantonsrätin, führte der Lockdown zu einer Sensibilisierung für die Rolle von Kulturbetrieben: «Man hat festgestellt, dass Kultur das Rückgrat der Schweiz und relevant ist. Die beschlossenen Corona-Massnahmen zielen auch darauf ab, die kulturelle Vielfalt zu erhalten.»

2017 initiierte Würth den Verein Pro Kultur Kanton Zürich, der sich für eine umfassende Förderung des Kunst- und Kulturschaffens im Kanton Zürich einsetzt. Seit 2018 ist sie Co-Präsidentin der Kulturkommission der SP Kanton Zürich. Für sie ist klar: «Grundsätzlich stellt sich die Frage, was es benötigt, damit Menschen kreativ tätig sein können, und was es in einer zeitgemässen, liberalen, demokratischen Gesellschaft braucht, um ein gutes Leben zu ermöglichen.»

Die Pandemie verleiht Diskussionen über den gesellschaftlichen Wert von Kultur und Kunst eine neue Dringlichkeit, wobei laut Würth die prekären Verhältnisse angesprochen werden müssen, in denen Kulturproduktionen entstehen: «In der Regel gibt es nicht mehr einen Ernährer in der Familie, der zu 100 Prozent angestellt ist. Mehr als ein Drittel aller Erwerbstätigen in der Schweiz befindet sich in sogenannten atypischen Arbeitsformen, also in Mehrfachbeschäftigungen, befristeten Anstellungen, Teilzeitarbeit usw. Vor allem im Kultursektor mit seinen vielen selbstständig Erwerbenden ist die Verbreitung des Prekariats sehr gross. Dazu müssen Erhebungen und entsprechende Anpassungen im Sozialversicherungssystem vorgenommen werden, um die soziale Sicherheit der Akteurinnen und Akteure zu verbessern.»

Ausstellungen: unerwartet aktuell

Die Wiedereröffnung sind die Museen unterschiedlich angegangen: Während manche Ausstellungen zeigten, die vor oder während des Lockdowns hätten eröffnen sollen, haben andere verlängert: zum einen, weil es lange kaum möglich war, Objekte und Bilder an ihre ursprünglichen Sammlungsorte zurückzutransportieren, zum anderen, weil bestimmte Themen neu an Aktualität gewannen. Die Fondation Beyeler in Riehen etwa hatte das Ende ihrer Ausstellung zu Edward Hopper zum zweiten Mal verschoben, da Hoppers Gemälde auf eine eigene Art zum Thema Einsamkeit und Melancholie im Pandemiejahr 2020 passten – daran sollte die Öffentlichkeit länger teilhaben können. Ähnlich erging es dem Museum Burghalde in Lenzburg mit der Ausstellung «Saubere Sache» zur 133-jährigen Geschichte einer Seifenfabrik. Die plötzlich hochaktuelle Ausstellung rund um Fragen der Hygiene war lange vor dem Ausbruch von COVID-19 geplant und erfreute sich eines ganz besonderen Interesses.

Während künftige Ausstellungen schwer(er) plan- und umsetzbar sind, reagierten manche Museen unmittelbar auf die Corona-Pandemie: Das Stadtmuseum Aarau beispielsweise realisierte innerhalb weniger Wochen eine thematische Ausstellung. Zu sehen waren Fotografien von den leeren Strassen der Stadt sowie Postkarten und Plakate mit Fragen wie: Was ist das, «die neue Normalität»? Besucher und Besucherinnen konnten auf einer Schreibmaschine Erfahrungen und Beobachtungen notieren und die Schriftstücke im Ausstellungsraum aufhängen. Das Historische Museum Thurgau wiederum sammelte aktuelle Corona-Zeugnisse aus dem Kanton. Das Sammlungskonzept sieht vor, Gegenwartsobjekte in die bestehende Sammlung aufzunehmen. Das Museum bat dabei auch die Bevölkerung um Mithilfe. Auf den kreativen Umgang junger Menschen mit der Pandemie fokussierte das Musée gruérien in Bulle. Kurz nach der Schliessung der Volksschule lud die Zeitung «La Gruyère» Kinder zwischen 3 und 15 Jahren ein, Eindrücke des Alltagslebens zeichnerisch festzuhalten. Überwältigt von mehr als 500 eingereichten Bildern wandte sich die Zeitung an das Musée gruérien mit der Bitte um Unterstützung. Unter dem Titel «Tout ira bien» wurden diese wertvollen Zeugnisse des täglichen Lebens im Frühling 2020 ausgestellt und werden für die Zukunft archiviert.

Organisiert in die Zukunft

Wie geht es nun weiter mit Kulturangeboten im virtuellen und im analogen Raum? Im Gegensatz zu Museen stehen vor allem die darstellenden Künste mit vielköpfigen Besetzungen und grossen Theatersälen vor Umsetzungsschwierigkeiten. Häuser wie das Schauspielhaus Zürich und das Grand Théâtre de Genève haben die Spielzeit 2020/2021 verspätet und mit erheblichen Einschränkungen wieder aufgenommen: Die Sitzplätze sind begrenzt, die Häufigkeit der Aufführungen ebenso. Museen und Ausstellungsorte führten während des Lockdowns Führungen und Workshops teilweise per Livestream durch. Mittlerweile werden sie vielerorts wieder analog angeboten, jedoch in kleinen Gruppen und oft mit Voranmeldung.

Drei Viertel aller Befragten der Studie von L’OEil du Public gaben im Juni an, kulturelle Aktivitäten online verfolgt zu haben. Knapp 20 Prozent sahen sich während des Lockdowns eine Aufführung – Theater, Konzert oder Oper – online an. Das Interesse, dies auch zukünftig zu tun, war im September allerdings nur bei etwa einem Drittel der Befragten vorhanden. Zwei Drittel verspürten dazu «keine oder wenig Lust». Es wird eine Herausforderung bleiben, Online-Angebote in einer Form einzubinden, die das Interesse der Menschen anhaltend zu wecken vermag.

Die Zukunft der Kulturbetriebe ist ungewiss. Doch kann dies auch eine Chance sein, das Feld von Ausstellen und Vermitteln zu überdenken, zu hinterfragen sowie neu zu definieren, und somit Lern- und Inspirationsquelle für Kulturakteurinnen und -akteure in der Schweiz. Einen ersten Schritt in die richtige Richtung sieht Eva-Maria Würth in verstärktem politischem Engagement und in der Selbstorganisation. «Wenn man sich organisiert, werden die Anliegen besser vertreten.» Das heisst konkret: Mitglied werden in einem Verband oder in Standesorganisationen. Eva-Maria Würth ist überzeugt: «Wenn man zusammensteht, zusammen agiert, zusammen spricht und nicht vereinzelt kommuniziert, erreicht man einfach mehr!»

Lena Seefried, freie Kuratorin, Autorin, Künstlerin