Sammeln gegen das Trauma

Das War Childhood Museum in Sarajevo zeigt, dass ein Museum mehr kann als die Vergangenheit ausstellen.

Ein Museum kann ein Ort sein, an dem Dinge gezeigt werden, weil sie sonst in Vergessenheit geraten könnten. Im Museum kann man in fremde Welten reisen, untergegangene oder ferne Kulturen kennen lernen.

Ein Museum kann aber auch ein Ort sein, um etwas zu bewahren, gerade weil man es nicht vergessen kann, weil man sich zu gut daran erinnert und keinen anderen angemessenen Platz für diese Erinnerungen findet als eben das Museum. Das War Childhood Museum in Sarajevo ist so ein Ort. Jedes Ausstellungsstück gehört einer Person, die im Bosnienkrieg zwischen 1992 und 1995 ein Kind war. Anhand der Gegenstände teilen die Überlebenden ihre persönlichen Geschichten und Erfahrungen aus einer Kindheit im Krieg. Das Museum ist das erste weltweit, welches sich ausschliesslich den Kriegserfahrungen von Kindern widmet und sie dabei aus ihrer eigenen Perspektive erzählen lässt.

Es ist ein moderner Ort, an dem die Kindheitserinnerungen ausgestellt sind, ein stiller Ort. Die Ausstellungsstücke ruhen auf weissen Sockeln oder hängen an dünnen Fäden von der Decke. Ein Ballkleid, eine Gitarre, ein selbst genähter Teddybär, ein Lieblingsbuch, Konserven einer humanitären Lebensmittellieferung, ein Tagebuch mit Zeichnungen, Ballettschuhe. Über 4000 Objekte zählt die Sammlung. Über 150 Stunden Videomaterial dokumentieren den Kriegsalltag: Die Kinder von damals erzählen von Gewalt, Tod, Hunger, Angst. Aber auch vom Blödsinn, den sie mit den Nachbarskindern anstellten, wie sie stolz an Tanzaufführungen teilgenommen oder ihren ersten Liebesbrief geschrieben haben, wie sie Fussball spielten – und dann wieder davon, wie das Herumtollen auf dem Spielplatz jäh beendet werden konnte durch Granaten. Davon zeugt auch ein Rohr, das Teil des Spielplatzes war. Das Kind, das den Angriff überlebt hatte, brachte es ins Museum, als Andenken an seine getöteten Freunde.

Botschaften für den Frieden

Inzwischen liegt der Krieg über 20 Jahre zurück. Viele wollen nach vorne schauen und schweigen über das, was passiert ist. Und doch ist für viele der Krieg noch nicht vorbei, sie leiden bis heute. Die Idee, die Erinnerungen der Kinder des Bosnienkrieges zu sammeln, hatte Jasminko Halilovic. Mit dem Museum wollte er einen Ort schaffen, an dem Teilnehmende, die ihre Gegenstände brachten, und Besuchende ihre Traumata konfrontieren können, einen Ort, an dem viele individuelle Erfahrungen das kollektive Bewusstsein schärfen und das gegenseitige Verständnis fördern – fernab vom politischen und ethnisch aufgeladenen Gezerre um die Auslegung der jüngsten Vergangenheit. Der politische Widerstand wurde mit Crowdfunding, internationalen Geldern und viel freiwilligem Engagement überwunden. 2017 wurde das Museum eröffnet.

Jüngst hat das Museum den 2018 Council of Europe Museum Prize gewonnen. Die persönlichen Geschichten und Gegenstände seien eine starke Botschaft für den Frieden, würden zur Aussöhnung beitragen und die kulturelle Vielfalt stärken, begründet die Jury. Sie sieht das Museum als Vorbild für künftige Initiativen in Konflikt- und Postkonfliktgebieten. Halilovic und sein Team haben ihre Tätigkeit denn auch geografisch ausgeweitet und sammeln Erinnerungen von Kindern aus weiteren Kriegsregionen. (S. 31)

Dies ist ein aktualisierter Abdruck eines Artikels, der am 11. Mai 2018 anlässlich des Internationalen Museumstags im Tages-Anzeiger erschien.

Aleksandra Hiltmann, Redakteurin Tages-Anzeiger