In Zeiten des Lockdown wird auch die Kultur digital

Wie die Coronakrise die Museen zwingt, neue digitale Wege zu gehen, um den Kontakt zum Publikum nicht zu verlieren.

Als Florenz im Jahr 1348 dem Albtraum der Pest ausgesetzt war, beschlossen sieben Frauen und drei Männer, sich in der Hügellandschaft vor der Stadt in Isolation zu begeben, und verbrachten zehn Tage damit, jeder eine Geschichte pro Tag zu erzählen. Das Ergebnis dieser unfreiwilligen Isolation haben wir noch heute in Händen: das Dekameron von Giovanni Boccaccio (1313-1375) ist ein Meilenstein der Weltliteratur. 1348 war die Technologie noch Lichtjahre entfernt, so dass die zehn jungen Menschen, die sich vor der Seuche versteckten, nur zwei Kommunikationsmittel zur Verfügung hatten: die Fantasie (oder das Gedächtnis) und die Stimme.

Heute, zu einer Zeit, in der wir uns unversehens in einer ganz neuen Situation befinden und wegen des gefürchteten Coronavirus auf unbestimmte Zeit zuhause bleiben müssen, greifen wir wo immer möglich auf die Technologie zurück: home schooling, teleworking, conference calls und selbstverständlich alle sozialen Medien. Und es ist nur natürlich, dass auch die Kultur mit ihren komplizierten Strukturen (Museen, Theatern, Konzertsälen) von dieser Krise voll getroffen wurde, die für die Menschheit eine Neuheit darstellt.

Auch die Kultur wird sich ändern müssen

«Wir dürfen uns nicht vorstellen, dass alles wie zuvor werden wird (…) die schweizerische Kulturszene wird sich verändern», versicherte vor einigen Tagen der Leiter von Pro Helvetia Philippe Bischof der Tageszeitung 24Heures. Doch viele Einrichtungen versuchen, in Erwartung dieses ‘Danach’, dessen räumliche und zeitliche Koordinaten heute noch keiner kennt, die Situation so gut wie möglich zu nutzen und stützen sich dabei auf die Möglichkeiten, die das web ihnen bietet. Die Kultur bewegt sich, und so haben wir auf der einen Seite immer mehr Schriftsteller und Musiker, die ihren followers Nachrichten schicken, und entdecken auf der anderen ein Netz an Museen, das sich verändert und versucht, zumindest zum Teil einen Ausgleich für die fehlenden Möglichkeiten zum sozialen Kontakt zu bieten. Stefano Vassere (siehe Artikel) lädt die Nutzer des vielbesuchten Kulturzentrums mit Bibliothek La Filanda (Mendrisio) und nicht nur sie dazu ein, sich mit den 300'000 Ressourcen (Büchern, Hörbüchern, Audiomaterial, Partituren aber auch 250 Konferenzen) zu beschäftigen, über die das Tessiner Bibliothekensystem verfügt (www.sbt.ti.ch/sbt/).

Was hat Ihnen dieser Besuch in der Welt der Schweizer Museen gegeben?

Ich schätze insbesondere die auf die Bedürfnisse des Publikums abgestimmte Gestaltung und die Verwendung von Audioguides und neuer Technologien für die Kulturvermittlung. Wenn ich nach Dakar zurückkehre, würde ich diese Instrumente gerne einführen, sowie auch die Applikation MuseumPlus, um die Verwaltung der Werke zu erleichtern und unsere Forschungs- und Dokumentationsarbeit effizienter zu gestalten. Anlässlich des Besuchs der Sekretärin des ICOM Schweiz und der VMS habe ich alle einfachen und praktischen Publikationen erhalten, die von der Vereinigung für die Mitarbeiter von Museen abgefasst wurden. Ich bin mit einem Koffer gekommen und reise mit einem zweiten Koffer voller Dokumentationen über die Schweizer Museen wieder ab.

Virtuelle Führungen, Lektionen in Pillenform und Briefe an die Museumsdirektoren

Und was tun die Museen? Wir haben eine virtuelle Erkundung unternommen, um herauszufinden, was sie so alles organisiert haben, in der Schweiz und im Ausland. Das Kunsthaus Zürich (das die weltweit hochgelobte Ausstellung von Olafur Eliasson schliessen musste), bietet auf YouTube und Instagram virtual tours an, die Fondation Beyeler (bei der sich die Türen zur Hopper gewidmeten Ausstellung des Jahres schlossen), richtet sich auf Instagram direkt an die Nutzer und fragt in der Story From Home, was sie gerne erzählt bekommen würden. Auf derselben Linie agiert das Museo Vincenzo Vela in Ligornetto, wo man jedoch, ebenfalls auf Instagram und Facebook, die Besucherinnen und Besucher nicht nur auffordert, der Leiterin Gianna A. Mina oder dem Kunsthistoriker Marc-Joachim Wasmer ihre Fragen zu stellen, um an das 200jährige Jubiläum des Bildhauers Vela zu erinnern (die Festlichkeiten hierzu wurden verschoben), sondern die Nutzer auch einlädt, Postkarten zu schicken und Videos aufzunehmen. Das Museum für Gestaltung in Zürich, das schon vor einiger Zeit mit dem Prozess der Digitalisierung begonnen hat, kann dem Publikum bereits jetzt einen Überblick über einen Grossteil seiner Werke bieten, sowie eine Reihe von Aktivitäten für Gross und Klein, mit denen man während des Lockdowns seine Zeit verbringen kann (#MuseumFromHome).

Ein Museumsbesuch wird noch aufregender

Besonders umfangreich ist das Angebot einiger italienischer Museen (wo die Krise schon früher ihren Anfang hatte), unter hashtags wie #museichiusimuseiaperti und #laculturanonsiferma. Vom Museo nazionale della Scienza e della Tecnologia Leonardo da Vinci in Mailand finden wir zum Beispiel die Initiative #storieaportechiuse, die Kindern auf Instagram jeden Tag eine neue Anekdote erzählt. Minilektionen in Pillenform auch beim Museo Egizio in Turin, wo Christian Greco mit einer Reihe von didaktischen Initiativen online zum «kulturellen Widerstand» aufgerufen hat, gleichzeitig aber auch über die Zukunft nachdenkt, in der man seiner Meinung nach die Digitalisierung auch auf archäologische Grabungsstätten, Bibliotheken und die Plätze der Stadt ausweiten müsste, und zwar mit Hilfe von technologischen Instrumenten wie street view und walk-in projects.

Dank des Webs ist die Kultur so leicht zu erreichen wie noch nie. Und die Coronakrise kann, wie jeder Moment der Unsicherheit, Licht auf neue Möglichkeiten werfen und innovative Dialogfenster öffnen. Es wird in Zukunft wichtig sein, ein Gleichgewicht zwischen «Konkretheit im Museum» und Digitalisierung zu finden, und wo dies gelingt, wird sich ein mächtiges Band zwischen dem Publikum und der Kunst bilden. Dank des Webs haben wir die Möglichkeit «to stay in touch», und wenn alles vorüber ist, wird uns ein Museumsbesuch noch schöner vorkommen. Ein wenig so, als käme man nach Hause.

Simona Sala, Kulturjournalistin, seit mehr als 20 Jahren Leiterin der Abteilung Kultur von Azione, Kulturschaffende, Verlegerin und Übersetzerin