Der Sammler und die Partei

Der einflussreiche Schweizer Mäzen Uli Sigg hat eine Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst von weltweiter Bedeutung geschaffen und dem Museum M+ in Hongkong geschenkt. Jetzt steht sie im Zentrum einer schwierigen Debatte.

Am Eingang zur mythischen Bucht von Hongkong steht das sehnsüchtig erwartete, von Herzog & de Meuron entworfene M+ mit seiner Fassade aus dunkelgrünen Kacheln, an dem gerade die letzten Arbeiten ausgeführt werden. Im Viertel West Kowloon ist noch immer der Lärm der Baustellen zu hören, doch das der zeitgenössischen visuellen Kunst gewidmete Museum wird im Herbst endlich seine Pforten öffnen, vier Jahre später als geplant. Es wird dem Finanzzentrum die kulturelle Dimension verleihen, die ihm bisher so schmerzhaft fehlte. Sein Herzstück? Die 1'510 Werke der Kollektion von Uli Sigg, die als die weltweit bedeutendste, konsistenteste und umfassendste Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst gilt. Sie führt vier Jahrzehnte künstlerischer und gesellschaftspolitischer Entwicklung vor Augen, vom Ende der Kulturrevolution bis zum 21. Jahrhundert. Doch nachdem sie lange Zeit gefeiert wurden, sind diese Werke Problem geworden, da man sie nun beschuldigt, Hass auf das Vaterland zu verbreiten. Wenige wagen es, das Thema zu kommentieren. Doch dem Sammler Uli Sigg ist es eine Herzensangelegenheit, seine plötzlich verschriene wertvolle Sammlung zu verteidigen. Bei seiner Rückkehr vom chinesischen Festland gewährt er ein Treffen auf der Terrasse eines Cafés, das wie das M+ am Meer liegt und einen atemberaubenden Blick auf Hongkongs Skyline bietet. Im weissen Hemd mit blauem Muster und erinnert sich freundlich und zuvorkommend an berichtet über die Entstehung seines Projekts.

Fahrstühle und Botschafter

1979 beginnt in China dank der von Deng Xiaoping aufgestossenen Tür die Modernisierung, die eine rasend schnelle Entwicklung der Städte mit sich bringt. Ein Glücksfall für den Fahrstuhlhersteller Schindler, der Uli Sigg beauftragt, vor Ort ein Joint Venture zu schaffen – das erste zwischen China und der Aussenwelt. «Damals wusste ich noch wenig über China. Ich hatte also diese Idee, dass ich vielleicht über die zeitgenössische Kunst Zugang zu einem anderen Bereich der chinesischen Welt bekommen könnte», erklärt Sigg und wählt dabei jedes Wort mit Bedacht.

In den 1980er Jahren gibt es noch keine Galerien im Land, und so stellt der Geschäftsmann über Mittelsmänner den Kontakt zu den Underground-Künstlern her, die den maoistischen Verfolgungen gerade noch entkommen sind. Diese finden im nun folgenden Jahrzehnt ihre ganz eigene Ausdrucksform, wie Uli Sigg erzählt, der sie zu jener Zeit persönlich trifft. Seine schlanke Silhouette und sein kahler Schädel werden selbst zum Motiv mehrerer Werke.

Und er, der von 1995 bis 1998 Botschafter der Schweiz in Peking wird, kauft auf eigene Rechnung Werke, bevor er realisiert, dass «keine einzige Privatperson oder Institution die zeitgenössische Kunst des grössten Kulturraums der Welt kaufte». Also beschliesst er, eine Sammlung zu schaffen, die angelegt ist «wie ein Dokument, das die Geschichte der chinesischen zeitgenössischen Kunst und die Geschichte des Landes erzählen kann». Der Pionier kauft Gemälde, Fotografien und Installationen ohne grossen Marktwert, die mit der Zeit bekannt und bei den grossen Institutionen im Ausland äusserst begehrt werden.

Freiheitsversprechen

«Ich wollte die Sammlung von Beginn an China schenken, denn die Menschen in China sollten ihre Kultur erleben können. Erst so bekam die Sammlung ihren Sinn.» Seine erste Wahl fällt auf Peking und Shanghai, doch er muss erkennen, dass dort die Vorgehensweisen «zu kompliziert und intransparent» sind. Gleichzeitig hofieren ihn die Behörden Hongkongs. «Weshalb ziehen Sie Festlandchina in Erwägung, wo dort doch Zensur herrscht? Hongkong bietet Meinungsfreiheit», erinnert sich Uli Sigg. Und das Argument zieht.

2012 schenkt Sigg dem M+, das noch in Planung ist, 1'463 Werke mit einem damals auf 165 Millionen Dollar geschätzten Wert, darunter Arbeiten von Zeng Fanzhi, Zhang Xiaogang und Yue Minjun. Weitere 47 Werke verkauft er dem Museum mit der Auflage, dass mehrere Hundert Werke dauerhaft ausgestellt werden müssen. Der Rest seiner Sammlung zieht in die Schweiz um, einige Stücke davon in seine Villa auf der Insel im Mauensee im Kanton Luzern. Die Autonomie des kleinen Gebiets von Hongkong wird zu jener Zeit nicht in Frage gestellt und der Generaldirektor von West Kowloon, Michael Lynch, erinnert sich, dass «dank der Grosszügigkeit von Herrn Dr. Sigg ein wichtiger Schritt getan wurde, um das Viertel zu einem Kunstzentrum von Weltklasse zu machen, in dem die zeitgenössische Kunst erblüht».

Nur zehn Jahre später hat sich die Situation radikal verändert. Peking hat die Anbindung der Stadt an China beschleunigt und im letzten Juni ein Sicherheitsgesetz verabschiedet, das zum Ziel hat, den politischen Protest in den Griff zu bekommen und zu verhindern, dass er auf den Rest des Landes übergreift. Der Gesetzestext kriminalisiert in schwammigen Formulierungen alle Aktivitäten, die Abspaltung, Aufruhr, Terrorismus und geheime Machenschaften mit ausländischen Mächten zum Ziel haben, und schränkt die anlässlich der Rückgabe an China versprochenen Freiheiten ein. «Bis Juli wurde die Kontrolle eher verdeckt ausgeübt, nun ist sie legalisiert. Das ist für uns Künstler eine enorme Veränderung, denn wir sind nicht daran gewöhnt. Es ist ein bisschen so, als würde man von Vögeln plötzlich erwarten, zu schwimmen», erklärt ein Kreativer, der anonym bleiben möchte.

Das M+ wurde noch nicht eingeweiht, doch schon steckt es in Schwierigkeiten und hat, wie die anderen Akteure der Szene, keine Ahnung, wie es das Gesetz interpretieren soll. Mitte März versicherte seine Leiterin Suhanya Raffel, sie habe «kein Problem», die gesamte Kollektion mit Objektivität und Unvoreingenommenheit zu zeigen, um die Diskussion und den Lernprozess unter voller Respektierung des Gesetzes anzuregen. Doch aus Sicht der Abgeordneten der Mehrheitspartei Eunice Yung «säen einige Werke Hass». Diese Äusserung löste eine Polemik aus und veranlasste die Leiterin der lokalen Exekutive, Carrie Lam, zu einer Drohung: Die Behörden, so meinte sie, würden «sehr wachsam sein» angesichts von «Werken, die die nationale Sicherheit gefährden können».

Stinkefinger

Insbesondere ein Werk hat die Spannungen deutlich werden lassen: Study of Perspective: Tian’anmen, ein hochgestreckter Mittelfinger vor dem Bild des gleichnamigen Platzes, signiert vom Dissidenten Ai WeiWei. Eine Beleidigung Chinas, klagen seine Kritiker. Ein Klischee, das aus seinem Kontext tritt und sich hier in Wirklichkeit in eine Serie einreiht, eine «seriöse Arbeit», die die Autorität und die etablierten Werte in Frage stellt, antwortet Uli Sigg. Das M+ hat bereits angekündigt, dass dieses Bild in der Eröffnungsausstellung nicht vertreten sein wird. Dies konnte den Brand um die Sammlung des Schweizers jedoch nicht löschen, so dass die Tageszeitung China Daily ihn sogar als «für die ausländischen Mächte tätigen Agenten» beschimpfte.

Diese Anklage zeichnet ein Lächeln und zwei Grübchen in das Gesicht des ehemaligen Diplomaten. Doch der Ernst kehrt schnell zurück, wenn die Rede auf gewisse Repräsentanten des Pro-Peking-Lagers kommt, «die das Gesetz vielleicht noch enger interpretieren als Peking selbst». «Sie gefährden Hongkong und die enorme Investition in die Kultur, die das Museum M+ darstellt», schätzt Sigg. Wenn die Entscheidungen von Politikern ausgingen und nicht von der Kunstszene, so erklärt er, «wird das ernste Schäden anrichten. Da entsteht ein Risiko, das sie vielleicht nicht einmal in Betracht ziehen.»

Und werden die Werke selbst, die als respektlos kritisiert werden, aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwinden? Was wird zum Beispiel aus den Aktbildern? Oder aus dem Werk New Beijing von Wang Xingwei, einem impliziten Verweis auf die blutige Repression vom Juni 1989, die in China ein Tabu darstellt? Diese Werke sind im Besitz des M+ und können von Uli Sigg nicht zurückgefordert, aber auch nicht durch das Museum verkauft werden. Sie könnten jedoch an ausländische Museen verliehen oder sogar in Hongkong ausgestellt werden – zumindest einige, denn «viele Chinesen wissen gar nicht mehr, worauf sich diese Werke beziehen, da dieses Ereignis aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht wurde», wie ein Experte meint, der ungenannt bleiben will.

«Kein Kumpel»

Von den lokalen Behörden kamen bisher keine Direktiven, gibt man beim M+ an. Doch die grundlegenden Fragen bestehen weiter und betreffen auch Dutzende internationaler Galerien oder Kunstmessen wie Hauser & Wirth und Art Basel, die sich im Freihafen angesiedelt haben, weil die Bedingungen in Steuer-, Zoll- und Exportangelegenheiten hier vorteilhafter sind als in Festlandchina. Aber welche Kunst genehmigt das Sicherheitsgesetz? «In der chinesischen Tradition ist Kunst Synonym für Schönheit und Harmonie. Doch die zeitgenössische Kunst ist kein Kumpel», meint Uli Sigg. «Sie zeigt die Wirklichkeit so, wie sie ist. Sie kann wunde Punkte berühren und will uns dazu bringen, dass wir nachdenken und unseren Alltag in Frage stellen. Dies sind zwei ganz unterschiedliche Paradigmen. Für viele Menschen bedeutet das, ihre Komfortzone verlassen zu müssen.» Und wird das an die neue Legislation gebundene Hongkong über genügend Raum verfügen, um diese Kunst zu zeigen? Einige sind dieser Meinung, wie zum Beispiel Justice Center. Diese ONG ist an der Organisation des Hong Kong Human Rights Arts Prize beteiligt, «einem der seltenen Events der Stadt», so sagen sie dort, «der weiterhin die Macht der Kunst als Katalysator der gesellschaftlichen Veränderung, der Debatte und der Verteidigung der Menschenwürde in Ehren hält». Auch Uli Sigg davon überzeugt und «bereut es nicht», seine Sammlung diesem Teil Chinas vermacht zu haben. «Vielleicht wird es Jahre dauern, vielleicht werde ich es nicht mehr erleben, aber dies hat nichts mit mir zu tun – der Tag wird kommen, an dem das Museum alles ausstellen können wird», ist er überzeugt.

Anne-Sophie Labadie, Hongkong

Dieser Artikel erschien am 1.5.2021 in «Le Temps».