Glokal – wem gehört das Museum?

Vor dem Fenster Geranien aus Afrika, einheimische Igel im Zoo: Das Globale und das Lokale stehen in einer komplexen Wechselbeziehung und in regem Austausch. Deshalb widmete sich der diesjährige Jahreskongress des VMS und des ICOM Schweiz, der am 22. August in St. Gallen stattfand, dem Glokalen. Die Beiträge deckten überraschende Verbindungen auf und zeigten neue Perspektiven.

In einer globalisierten Welt mit heterogenen Bevölkerungen und internationalem Wettbewerb unter Museen stellen wir uns drängende Fragen: Wie bleiben Museen für ihr Publikum relevant? Wer ist dieses Publikum überhaupt? Wenn Museumsbesucherinnen und -besucher nur aus ausgewählten Schichten oder Gruppen fortgeschrittenen Alters stammen, dann repräsentieren sie nicht die vielfältige Bevölkerung. Damit geraten Museen in eine Sackgasse. Wie sollen sich Menschen für ein Museum interessieren, wenn sich das Museum nicht für die Menschen interessiert? Inspirierend sind Museen, die angesichts dieser Herausforderungen den Weg der Partizipation wählen. Museen, die Ausstellungen und Aktivitäten nicht für ihr Publikum, sondern mit ihrem Publikum entwickeln. Diese Museen öffnen sich und bieten die Gelegenheit, Interessen und Wissen auf Augenhöhe einzubringen und zu teilen. Nur wenn Menschen aus einer Community nachhaltig und sinnvoll einbezogen werden, sind sie durch das Museum auch wirklich repräsentiert.

Der Begriff «glokal» (S. 26) wurde von der ehemaligen Schweizer ICOM-Präsidentin, Madeleine Schuppli, ins Spiel gebracht. Helen Bieri Thomson, Katharina Epprecht und ich haben den Ball gerne aufgenommen und das Programm für den Jahreskongress 2019 entwickelt. Dabei war uns bewusst, dass auch die Frage der Restitution zum Themenkreis des Glokalen gehört. Angesichts der Tragweite erschien es uns jedoch sinnvoll, diesem Aspekt eine eigene Tagung zu widmen. So haben wir zwei Schwerpunkte definiert: Partizipation mit Fokus auf das Museumsumfeld und kulturelle Transformation mit Fokus auf Sammlungen – eine reichhaltige Mischung, wie die nachfolgend zusammengefassten Beiträge zeigen.

«Many histories and shared future»

Die Besucherinnen und Besucher schauen auf ihre Smartphones – was wie der Albtraum eines klassischen Museums klingen mag, ist im Brooklyn Museum erwünscht. Mit der App «ASK Brooklyn Museum» werden die Gäste ermuntert, Fragen zur Ausstellung über das Smartphone zu stellen. Das Museumsteam beantwortet diese unmittelbar. Dr. Sharon Matt Atkins, Direktorin für Ausstellungen und strategische Initiativen am Brooklyn Museum, erzählte am Kongress, wie ihre Institution Partizipation umsetzt. Über die Jahre habe sich das Kunstmuseum mutig auf zahlreiche Experimente eingelassen und das vielfältige Umfeld des New Yorker Stadtteils Brooklyn miteinbezogen. Alle Initiativen stützten sich auf eine klare Mission – «To create inspiring encounters with art that expand the ways we see ourselves, the world and its possibilities» – und definierten Werte wie «Many histories and shared future». Was Sharon Matt Atkins hervorhob: Bevor ein Museum neue Gruppen anspreche, müsse es diese überhaupt kennen. Der Einbezug der lokalen Bevölkerung gehe dabei jedoch nicht auf Kosten der internationalen Gäste. Damit schafft das Brooklyn Museum dynamisch und erfolgreich den Spagat zwischen zwei Zielgruppen. Eine Bereicherung für alle, denn auch das Museum kann sich so weiterentwickeln, vorausgesetzt, es hört gut hin – «Listening» war denn auch ein Schlüsselwort dieser Präsentation.

«Exposition pas prévue»

Anne-Claire Schumacher, leitende Kuratorin am Ariana Museum in Genf, stellte das Projekt «Blue Sky» vor. Drei jugendliche Asylsuchende aus nichteuropäischen Herkunftsländern wurden eingeladen, sich intensiv mit dem Museum auseinanderzusetzen. Interessanterweise gelang der Anschluss über ausgestellte Keramikobjekte in der Farbe Kobaltblau; diese blaue Glasur ist weltweit verbreitet. Überraschend für die Kuratorin und den involvierten Künstler kam der Wunsch der Jugendlichen, eigene keramische Arbeiten herzustellen und sie in die permanente Ausstellung zu integrieren. Damit hinterliess das Projekt Spuren, die für alle Museumsgäste sichtbar wurden. Und einer der Jugendlichen entschied sich im Nachgang gar für eine Ausbildung zum Töpfer. Das Projekt zeigt, wie eine ergebnisoffene Herangehensweise Wirkung zu entfalten vermag.

«Piccolo grande mondo»

So klein das Museum des Verzascatals auch sein mag, so gross ist seine Wirkung. Früher waren die Gäste vorwiegend Touristinnen und Touristen. Weil die Talbevölkerung nicht ins Museum kam, initiierte die Kuratorin Veronica Carmine das Projekt «Senti questa!».

Damit lud sie die Bevölkerung zu neun Treffen in unterschiedlichen Restaurants im ganzen Tal ein unter der Bedingung, ein Objekt, Dokumente oder Fotos und persönliche Geschichten mitzubringen. Als das Museum anschliessend das über einen Monat Gesammelte ausstellte, kamen auch die Einheimischen ins Museum – schliesslich wurde es so zu ihrem Museum mit ihren Geschichten.

«Das Museum braucht die Geflüchteten mehr, als diese das Museum brauchen»

Seit letztem Frühling bieten Menschen mit Fluchterfahrung Führungen durch das Bernische Historische Museum an. Aline Minder, Leiterin Bildung & Vermittlung, und Annemarie Sancar, Sozialanthropologin und Projektinitiantin, präsentierten das Projekt «Multaka» in fünf Thesen. Eine davon: «Das Museum braucht die Geflüchteten mehr, als diese das Museum brauchen.» Das interaktive Format war ursprünglich ein Kooperationsprojekt von fünf Berliner Museen und findet nun international in weiteren Museen Verbreitung. Es ist adaptierbar und skalierbar

für kleinere und grössere Häuser. Die Geflüchteten bekommen eine neue Aufgabe, das Publikum eine überraschende Führung und auch das Bernische Historische Museum profitiert – so tut etwa dem bekannten Ausstellungssaal, der «den Orient» als Projektionsfläche aus europäischer Warte zeigt, ein Blick von aussen ganz gut.

Kulturelle Transformation: Sammlungen mit Migrationshintergrund

Der zweite Schwerpunkt der Tagung lag auf dem Prozess kultureller Transformation. Überregionale Vernetzung beeinflusst das Leben der Menschen seit prähistorischen Zeiten. Was wir als Träger und prägende Exponenten einer Kulturregion verstehen, basiert oft auf Wanderbewegungen und kulturellem Austausch. Hinter manchem lokalen Kulturerzeugnis steckt eine unerwartete Migrationsgeschichte. Die ursprüngliche kulturelle Zugehörigkeit von Artefakten und deren stilistisch-formalen Merkmalen können durch mehrmalige Transformation oder Vereinnahmung so weit assimiliert worden sein, dass sie als typisch lokales Phänomen missverstanden werden. Kulturelle Transformation beschreibt einen Prozess der wechselseitigen Beeinflussung und Vermischung, der neue Erkenntnisse und ästhetische Vorlieben hervorbringt. So sind die vermeintlich «typischen» Repräsentanten des Lokalen oftmals Produkte globaler Transformationsprozesse. Am Nachmittag wurden ausgewählte Beispiele vorgestellt, die derartige Missverständnisse aufdeckten.

«Wir sind alles Wanderer auf einem Weg durch die Jahrhunderte»

Strasse und Feld statt Haus und Herd. Migration statt Verwurzelung. Keine chronologische, sondern thematische Präsentationen. Weglassen statt Fülle. Dr. Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte zu Berlin, erläuterte bildhaft, wie er mit den Regeln einer archäologischen Ausstellung gebrochen hat. Mit diesem Perspektivenwechsel wird aus vermeintlicher Heimatgeschichte eine europäische Geschichte mit starkem Bezug zur Gegenwart. Exemplarisch zeigte dies «Bewegte Zeiten», die Ausstellung aller deutschen Landesarchäologen, die anlässlich des Europäischen Kulturerbejahres 2018 in Berlin stattfand. Rückmeldungen zeigten, dass Fachleute und das museumsgewohnte Publikum mit diesem Bruch von traditionellen Denkmustern etwas Mühe bekundeten – ganz anders als Neulinge im Museum.

Jacqueline Strauss, Direktorin Museum für Kommunikation in Bern