Ein neuer Blick auf die afrikanische Geschichte und Kunst

Das Musée des civilisations noires, welches dieses Jahr eröffnet wurde, möchte dem Erbe schwarzer Kulturen weltweit ein Zuhause zu geben. Die kenyanische Autorin Ciku Kimeria hat das Museum besucht und mit dem Direktor Hamady Bocoum gesprochen.

Die Eröffnung des Musée des civilisations noires (dt. Museum der schwarzen Zivilisationen) in Dakar hätte zu keinem besseren Zeitpunkt stattfinden können. Obwohl das Konzept dazu bereits in den 1960ern vom ersten senegalesischen Präsidenten Léopold Sédar Senghor erdacht wurde, dauerte die Verwirklichung bis Ende letzten Jahres. Die Eröffnung des Museums fiel mit der Veröffentlichung der bahnbrechenden Studie des senegalesischen Ökonomen Felwine Sarr und der französischen Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy zusammen, in der die Rückgabe von Afrikas geplünderten Kulturschätzen gefordert wird. Mehr als 90’000 afrikanische Kunstgegenstände befinden sich derzeit in französischen Museen, Tausende weitere sind in Museen in ganz Europa verstreut. Dies befeuert die Debatten darüber, ob Afrikas geplünderte Kulturgüter an den Kontinent zurückgegeben werden sollen und ob Afrika über die Mittel oder das Interesse verfügt, diese Schätze zu schützen.

Museumsdirektor Hamady Bocoum äusserte sich zu diesem Thema folgendermassen: «Die Rückgabe von Afrikas gestohlenen Kulturschätzen sollte nicht davon abhängig sein, ob wir Platz haben, diese auszustellen. Diejenigen, die unsere Schätze gestohlen haben, können uns nicht diktieren, wie wir mit ihnen umgehen. Wenn nun eine Stadt ihre Schätze an die heiligen Wälder zurückgeben möchte, aus denen sie geraubt wurden, dann ist auch das ihr gutes Recht.» Diese Haltung lässt die starken antikolonialistischen Empfindungen erkennen, die das Ethos des Museums widerspiegeln.

Die Struktur und die Relevanz der Wahl Dakars als Sitz

Der riesige Komplex mit 14’000 Quadratmetern, die auf vier Stockwerke verteilt sind, ist architektonisch an die Rundhütten der Region Casamance im Süden Senegals und Gross-Simbabwe angelehnt. Das erste Bild, das sich dem Besucher eröffnet, ist das der riesigen Baobab-Skulptur des haitianischen Bildhauers Edouard Duval-Carrié im Zentrum des Museums. Der beliebte Lebensbaum besitzt im Senegal eine große kulturelle, spirituelle und historische Bedeutung. Einige der Bäume sind dabei zwischen 1’000 und 2’500 Jahre alt und haben über 300 Verwendungen.

Das Museum hat sich zum Ziel gesetzt, alle schwarzen Zivilisationen zu repräsentieren, doch der Standort ist mit Dakar nicht rein zufällig gewählt: In dieser Stadt lebt und atmet die Kunst. Der Gründervater des Landes und zugleich der geistige Vater dieses beeindruckenden Museums – Léopold Sédar Senghor – war ein Dichter, Kulturtheoretiker und führender panafrikanistischer Denker.

Im Gespräch über das Konzept des Museums betont Bocoum wiederholt, wie wichtig es sei, den westlichen Blick zu vermeiden: «Gleich zu Beginn haben wir uns darauf verständigt, dass dies kein Museum der Ethnologie werden sollte. Ethnologie ist für uns eher die Wahrnehmung von Afrikanerinnen und Afrikanern durch die westliche Linse – im Stile von Aussagen wie «Die Massai sind ein Nomadenvolk ...», «Die Hausa sind …» – und weniger unser Blick auf uns selbst. Als zweites einigten wir uns darauf, dass dies kein anthropologisches Museum werden solle. Das war uns wichtig, da Anthropologie genutzt wurde, um das Konzept von «Race» zu rationalisieren. Ein Konzept, das verheerende Auswirkungen auf diejenigen ausserhalb der Machtstrukturen hatte – ganz besonders auf People of Color. Anthropologie machte es möglich, die Versklavung schwarzer Menschen zu legitimieren. Als drittes wollten wir nicht, dass dies ein subalternes Museum werden würde.»

Gayatri Chakravorty Spivak, eine indische Gelehrte, Literaturwissenschaftlerin und feministische Kritikerin, beschreibt subaltern im postkolonialen Kontext wie folgt: «Westliche Intellektuelle verbannen andere, nichtwestliche (afrikanische, asiatische, nahöstliche) Formen des ‹Wissens›, der Aneignung von Weltwissen, an den Rand des intellektuellen Diskurses, indem sie diese Wissensformen als Mythos und als Folklore neu darlegen. Um gehört und gekannt zu werden, muss das Subalterne die westliche Art des Wissens, Denkens, Schlussfolgerns und der Sprache übernehmen.»

Der repräsentative Charakter des Museums für unterschiedlichen Kulturen of Color

Wenn man Bocoum zuhört, fällt es schwer, nicht über die schädlichen Auswirkungen der vorherrschenden Darstellung der schwarzen Bevölkerung und ihrer Kultur nachzudenken, mit denen sich People of Color weltweit konfrontiert sehen. Eine Darstellung, die ihnen nur wenig lässt, auf das sie stolz sein können. Der ehemalige Profifussballspieler Lilian Thuram aus Guadeloupe schrieb sein Buch «Mes Etoiles Noires (My Black Stars): Von Lucy bis Obama» das einzige Mal, das er als junger Schüler in Frankreich etwas über afrikanische Geschichte gelernt hat, bei der Behandlung des transatlantischen Sklavenhandels war. Er beklagt, dass sich schwarze Kinder, wenn sie nur diese Dinge über ihre Geschichte lernen, natürlich minderwertig fühlen werden. Darum hat er das Buch geschrieben: Damit schwarze Kinder eine Sammlung an schwarzen Heldinnen und Helden hätten, die sie durch die Jahre begleiten und inspirieren könnten – damit sie wissen, dass ihre Geschichte mehr bereithält als nur die Ungerechtigkeit gegen sie und ihre Vorfahren.

Das Museum hat sich zum Ziel gesetzt, dem Erbe schwarzer Kulturen weltweit ein Zuhause zu geben – mit einer globalen Betrachtung von schwarzer Kultur. Im Museum befindet sich eine Galerie voller Masken verschiedener afrikanischer Ethnien und Länder. Ein anderer Ausstellungsbereich konzentriert sich auf den Beitrag Afrikas zu Medizin, Mathematik und Architektur. In diesem Zusammenhang führt selbstverständlich kein Weg an dem Werk von Cheikh Anta Diop vorbei, ein senegalesischer Historiker, Anthropologe und Physiker, der zu den Ursprüngen der menschlichen Spezies und zu vorkolonialer afrikanischer Kultur geforscht hat. Er erwähnte als erster die afrikanischen Wurzeln des Homo Sapiens – eine Sicht, die zu jener Zeit als höchst kontrovers galt, heute jedoch allgemein anerkannt ist. Eine weitere Ausstellung ist den afrikanischen Frauen und Frauen afrikanischer Herkunft gewidmet, die auf der Welt etwas bewirkt haben – darin werden Winnie Madikizela Mandela, Harriet Tubman, Wangari Maathai, Angela Davis, Sojourner Truth und viele weitere Frauen gewürdigt.

Die Ausstellung über Negritude, schwarzes Bewusstsein und panafrikanische Länder zollt diversen grossen Persönlichkeiten Anerkennung, darunter Dr. Martin Luther King Jr., Frederick Douglas, Thomas Sankara, Malcolm X und weitere. Der Bereich über zeitgenössische Kunst umfasst eine eindrucksvolle Sammlung von Werken, z. B. Fotografien von Malaïka Dotou Sankofa, ein fiktionaler androgyner afrikanischer Engel der französisch-beninischen Künstlerin Laeïla Adjovi, der mit dem Biennalen-Kunstpreis von Dakar 2018 ausgezeichnet wurde, Porträts der malischen Fotografenikone Malick Sidibe und eine Installation des haitianischen Künstlers Philippe Dodard, die in Phasen die Entwicklung der Sklaverei von Afrika über die sogenannte Middle Passage bis zu karibischen Plantagen darstellt.

Die Rezeption des Museums

Bocoum weist noch einmal auf das Ziel des Museums hin, das darin besteht, kontinuierlich verschiedene schwarze Kulturen auszustellen, und fügt hinzu: «Bereits in der Anfangsphase haben wir mit Künstlern und Museumskuratoren aus unterschiedlichen Teilen der schwarzen Diaspora, u. a. aus Kuba, den Vereinigten Staaten und Brasilien, zusammengearbeitet. Die Ausstellungen im Museum werden sich alle sechs Monate ändern. Die Ausstellung zur Wiege der Menschheit bleibt dabei eine der wenigen permanenten. Die übrigen Ausstellungen, einschliesslich jener über zeitgenössische Kunst, werden mit immer neuen Themen und Exponaten stetig überarbeitet und dabei Inhalte der schwarzen Diaspora aufgreifen. Dies ist kein Museum der senegalesischen oder afrikanischen Zivilisationen. Es ist und bleibt das Museum der schwarzen Zivilisationen.»

Einen Monat nach seiner Eröffnung lockte das Museum im Schnitt bereits 500 bis 600 Besucherinnen und Besucher pro Tag an. Das Museum begann mit 700 Exponaten, besass schon nach einem Monat 1’300 und rechnet mit 4’000 bis 5’000 ausgestellten Exponaten bis Ende 2019. Im Museum können bis zu 18’000 Exponate Platz finden. Die Eröffnungsausstellung bestand aus vier Bereichen: Die Wiege der Menschheit (mit Schädeln und Skeletten, die in verschiedenen Teilen des Kontinents entdeckt wurden), Kontinentale afrikanische Zivilisationen (behandelt die Geschichte von Masken und die Auswirkungen des Sufismus und des Christentums in Afrika), Globalisierung Afrikas (betrachtet Konzepte der Bewegungen Negritude, Panafrikanismus, schwarzes Bewusstsein) und Afrika heute (zeitgenössische Kunst von schwarzen Künstlern aus Afrika, Amerika und der Karibik).

Wenn man bedenkt, dass der afrikanische Kontinent die Wiege aller Zivilisationen ist, so findet sich in diesem Museum für jeden etwas. Für die Söhne und Töchter des Kontinents, auf welchem Teil der Erde sie auch sein mögen, wird dieses Museum jedoch eine transformative Erfahrung darstellen. Es ermöglicht ihnen, sich selbst und ihre Kulturen auf eine Weise repräsentiert zu sehen, die sie würdigt – und das auf afrikanischem Boden. Das allein ist schon Grund genug zum Feiern.

Ciku Kimeria, kenianische Autorin («Of goats and poisoned oranges»), Kommunikationsberaterin, Abenteurerin und Reisebloggerin