Kulturerbe für alle

Die Faro-Konvention des Europarats über den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft, von der Schweiz 2019 ratifiziert, stellt einen neuen Rahmen für die Politik und Kulturinstitutionen bereit: Menschen und ihre Initiativen stehen im Zentrum.

In der Schweiz bewegt sich etwas im Bereich des Kulturerbes. Zum Beispiel im Tessin: Das Projekt «Pagliarte» im Onsernonetal stärkt die traditionelle Herstellung von Trinkhalmen aus Stroh mit dem Ziel, althergebrachte Praktiken bekannt zu machen und einen Beitrag zur ökologischen Nachhaltigkeit zu leisten. Oder die Kampagne «Apprendisti Ciceroni» der Stiftung FAI SWISS: Sie machte junge Menschen zu Botschafter:innen des Kulturerbes. Unter professioneller Anleitung traten sie in Kontakt mit Kunst und Natur in ihrer Umgebung, untersuchten Objekte und Orte ihrer Wahl wie etwa die Burg Montebello in Bellinzona und stellten sie ihren Mitschüler:innen, Eltern und anderen Erwachsenen in Formaten wie Audioguides oder Ausstellungen vor. Und das digitale Projekt «When We Disappear», ein vom Studio Inlusio Interactive zusammen mit Historiker:innen umgesetztes Game, erzählt eine interaktive Geschichte rund um das Kulturerbe und Gedenkorte und betreibt so zeitgemässe Erinnerungskultur für Schüler:innen. Erleben kann man die Geschichte eines Mädchens, das sich im Zweiten Weltkrieg auf der Flucht quer durch Europa befindet. Eine Rahmenhandlung stellt Bezüge zur Gegenwart her.

Was ist all diesen Projekten gemein? Sie alle sind Initiativen aus der Zivilgesellschaft, die darauf zielen, das Kulturerbe in seiner Bedeutung für die Menschen der Gegenwart neu zu denken. Und damit entsprechen sie den zentralen Werten in der Faro-Konvention, dem Rahmenübereinkommen des Europarats über den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft. Die Konvention, 2005 in der portugiesischen Stadt Faro verabschiedet, unterstreicht den sozialen und verbindenden Wert des kulturellen Erbes und dessen Wichtigkeit für eine nachhaltige Entwicklung von Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt. «Die Konvention von Faro geht von einem breiten, dynamischen und partizipativen Kulturerbebegriff aus», erklärt Nina Mekacher, stellvertretende Leiterin der Sektion Baukultur beim Bundesamt für Kultur (BAK), bei dem die Umsetzung von Faro in der Schweiz auf Bundesebene angesiedelt ist. «Sie widmet sich der Frage, warum und für wen das europäische Kulturerbe gepflegt werden soll. Dabei stellt sie seine Bedeutung für die heutige Gesellschaft in den Mittelpunkt.» Alle Praktiken und Objekte, die für Menschen in ihrem alltäglichen Leben Wert besitzen, werden somit wichtig; dies verlangt eine Kulturerbepolitik, die sich ständig neuen Gegebenheiten anpasst. Und da Faro auf der Teilhabe aller am Kulturerbe sowie auf dessen Bedeutung für eine nachhaltige, diverse und demokratische Gesellschaft insistiert, passt die Konvention perfekt zur neuen Museumsdefinition des Internationalen Museumsrats ICOM.

Faro im europäischen Kontext

Bei ihrer Umsetzung gewährt die Faro-Konvention weitgehende Gestaltungsfreiheit, entsprechend unterschiedlich präsentiert sich die Situation in der Schweiz und in den Niederlanden. Die Niederlande haben Faro bisher nicht ratifiziert; stattdessen wurde 2019 ein Prozess angestossen, in dem geklärt wurde, wie die Konvention umgesetzt werden könnte. Zuerst stand eine Bestandsaufnahme an – auf einer Internetseite wurden konkrete Initiativen gesammelt, die Faro-Prinzipien entsprechen, und zahlreiche Akteur:innen wurden so miteinander vernetzt. Ein solches Projekt ist das interaktive Heimcomputer-Museum in Helmond: Die dort ausgestellten und allesamt nutzbaren Computer werden von Menschen unterhalten, die nicht in den Arbeitsmarkt integriert sind. Stücke, die nicht in die Sammlung kommen, werden repariert und günstig an einkommensschwache Menschen verkauft. Für Michaela Hanssen, Leiterin des Faro-Programms beim niederländischen Ministerium für Kultur, bringt das Projekt die Werte von Faro auf den Punkt: «Das HomeComputerMuseum ist eine auf Partizipation der Bürger:innen basierende Privatinitiative, die einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leistet und verschiedene Gruppen miteinander verbindet, etwa die Mitarbeitenden mit ihren oft durch Herausforderungen geprägten Lebensläufen, die Einwohner:innen der Stadt, finanzschwache Familien oder die Tourist:innen, die extra nach Helmond kommen. Und dabei macht das Museum auch noch einen neuen Gegenstand als Teil des Kulturerbes erfahrbar, den Heimcomputer eben.»

Das Faro-Programm der Niederlande mündet diesen Herbst in eine konkrete Agenda, welche die Ratifizierung empfiehlt und Umsetzungsschritte vorschlägt. Michaela Hanssen und ihr Team stiessen zur Erarbeitung dieser Agenda einen partizipativen Prozess an: «Wir haben eine digitale Plattform eröffnet, auf der sich alle äussern und Feedback geben können, die in den Prozess eingebundenen Institutionen und Gruppen ebenso wie die breite Öffentlichkeit.» Vorgeschlagen wird zum Beispiel eine direktdemokratische Beteiligung der Bevölkerung an Entscheidungen im Bereich des Kulturerbes. Und administrative Schranken in der Kulturförderung sollen abgebaut werden – denn nur so haben alle Initiativen der Bürger:innen reale Chancen auf finanzielle Unterstützung.

Faro in der Schweiz

In der Schweiz wurde zuerst ratifiziert und jetzt wird umgesetzt. Faro wird vom BAK als übergreifender Rahmen für eine Kulturerbepolitik verstanden, die direktdemokratischen Prinzipien entspricht: «Die Konvention will jedem Menschen bzw. jeder Gruppierung von Menschen die Gelegenheit geben, sein:ihr Kulturerbe zu definieren und zu pflegen», erläutert Nina Mekacher. «Dieses dynamische und basisdemokratische Verständnis kann in der Schweiz grosses Potenzial entfalten und mithelfen, dass breite Kreise das Kulturerbe für sich entdecken.» Das BAK setzt in diesem Kontext auf eine in die Kulturpolitik von Bund und Kantonen integrierte Umsetzung: «Das heisst, dass die Grundsätze der Konvention wie die Förderung der kulturellen Teilhabe, die Anerkennung kultureller Vielfalt und kultureller Minderheiten sowie die nachhaltige Nutzung des Kulturerbes direkten Eingang finden in Strategien und Massnahmen, also etwa in die Kulturbotschaft 2020–2024, die Strategie Baukultur oder die Projektförderung durch das BAK», legt Nina Mekacher dar. Dies bedeutet auch, dass keine spezifischen Sensibilisierungskampagnen durchgeführt werden – was auch eine Herausforderung ist für den Wissenstransfer von der Politik zu Institutionen und Gruppierungen der Zivilgesellschaft.

Was heisst das alles nun konkret für ein kleineres Museum in der Schweiz? Beispiele finden sich unter den 19 Gewinnerprojekten des Wettbewerbs «Kulturerbe für Alle», mit dem der Bund bereits 2018 eine erste Kampagne nach Faro-Prinzipien lancierte. Zu den geförderten Projekten zählten die eingangs erwähnten Initiativen, aber auch etwa «Mein Ding» im Museum Schloss Burgdorf: Während einer Umbauzeit wurde unter aktivem Einbezug der Bevölkerung Neues gesammelt. 35 so gefundene Sammlungsobjekte, darunter ein Walkman samt selbst aufgenommener Musikkassetten sowie alte Mobiltelefone, konnten bis Ende 2020 im Foyer des Schlosses besichtigt werden. Alltagsgegenstände mit zugleich persönlichem und gesellschaftlichem Wert im Museum – Faro eröffnet die Chance, dass Museen partizipativer werden und Beziehungen der Menschen zur Lokal- und Alltagskultur widerspiegeln. Freilich sind solche Prozesse nicht ohne Hürden: «So ein Vorgehen verlangt von den Museumskonservator:innen hohe Sozialkompetenz, ein neues Rollenverständnis und eine hohe Risikobereitschaft», führt Nina Mekacher aus. Man möchte hinzufügen: Das Gleiche gilt wohl für die Profis im Bereich der Kulturpolitik, die sich gemäss Faro für dauernde und dynamische Inputs aus der Zivilgesellschaft öffnen müssen. Nina Mekacher bringt es auf den Punkt: «Bei Teilhabeprojekten ist selten das Resultat, sondern vielmehr der Weg das Ziel.»

Joanna Nowotny