Koloniales Erbe in den Museen

Das Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel (MahN) stellt die eigene Sammlung und die Geschichte der Region in einen weltumspannenden Kontext. Unter dem Titel «Mouvements» werden aktuelle Debatten aufgegriffen, historisch kontextualisiert und vermittelt.

Gesucht: Reinigungskraft, Küchenhilfe, Chauffeur. Unzählige Annoncen aus Neuenburger Zeitungen der 1960er-Jahre bedecken die Ausstellungswand; allen gemein der Vermerk «Etrangers exclus» oder «Italiens exclus» – Ausländer oder Italiener ausgeschlossen. Auf der Wand gegenüber zeigen Fotografien Arbeitskräfte, die gezielt im nahen Ausland rekrutiert wurden, etwa von Firmen wie Suchard. Zwischen diesen beiden Wänden – den kompromisslosen Worten des Ausschlusses und den visuellen Zeugnissen der schweizerischen Immigrationspolitik der Nachkriegszeit – manifestiert sich der Diskurs um Einwanderung und Ausgrenzung in der Schweiz. Das Bindeglied zur Gegenwart sind die ebenfalls ausgestellten Ausweise, die in unterschiedlichen Farben den Aufenthaltsstatus eingewanderter Personen angeben. Darunter auch der Status S, der just wenige Wochen nach der Eröffnung anfangs 2022 erstmals eingesetzt wurde.

Spannungsfelder wie dieses gibt es viele in der neuen Dauerausstellung «Mouvements» im Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel (MahN). Es geht um Bewegungen von Menschen, Ideen und Konzepten, aber auch von Waren und Objekten. Das MahN hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit einem transdisziplinären Ansatz die Sammlung und die Geschichte der eigenen Region zu erforschen, zu reflektieren und zu vermitteln. Das Resultat: ein gelungenes Panoptikum der Geschichte Neuchâtels und seiner Verbindungen in die Welt.

Koloniales Erbe der Schweiz

Beim Betreten der Ausstellung werden unter einer überdimensionalen zeitgenössischen Lichtinstallation die Sinne geschärft für die Inhalte und Objekte, die die Besucher:innen erwarten: Porträts von 160 Menschen jeglicher Couleur, die sich im Laufe ihres Lebens in Neuchâtel niederliessen oder aber den Kanton verliessen und ihr Leben woanders fortführten; Kampfrüstungen und Waffen aus der historischen Sammlung, die Gemälden und einer Skulptur gegenübergestellt werden; drei «Jaquet-Droz-Automaten» als Zeugnisse höchster Uhrmacherkunst und vieles mehr. Die Bewegung selbst – sei sie mechanisch oder ideell – wird dabei ebenso thematisiert wie das, was sie in menschlichen Biografien bedeutet: zurückbleiben, aufbrechen, ankommen, erinnern, zurückkehren.

Doch das MahN geht noch einen grossen Schritt weiter und nimmt die koloniale Vergangenheit der Schweiz und der Stadt Neuenburg in den Blick. Die Schweiz besass zwar keine Kolonien, war jedoch durchaus Profiteurin des kolonialen Systems: Schweizer Kaufleute waren aktiv am Rohstoff- und Versklavungshandel beteiligt und betrieben unter dem Schutz der Kolonialmächte eigene Plantagen, Schweizer Forscher:innen und Wissenschaftler:innen nahmen an kolonialen Expeditionen teil und Schweizer Söldner waren an der Eroberung und Herrschaftssicherung in verschiedenen Kolonien beteiligt.

Diese kolonialen Verstrickungen der Schweiz finden in Neuchâtel ihren Kumulationspunkt in der Statue David de Purys. 1855 zentral auf der «Place Pury» im Zentrum Neuenburgs errichtet, stellte die bronzene Statue ein Zeichen der Dankbarkeit dar. Dankbarkeit dafür, dass sich der 1786 in Lissabon verstorbene David de Pury als Wohltäter für die Stadt eingesetzt hatte: Der Neuenburger mit preussischem Adelstitel und englischer Staatsbürgerschaft, der als Bankier und Unternehmer den grössten Teil seines Lebens im Ausland verbracht hatte, vermachte einen Grossteil seines Vermögens seiner Heimatstadt Neuenburg. Mit dem Betrag von über 300 000 portugiesischen Cruzados (nach heutiger Schätzung etwa 600 Millionen Franken) wurden symbolträchtige Gebäude finanziert, darunter das Rathaus.

Komplexität transparent vermittelt

Doch das Bild des Wohltäters bekam Risse. Um die Statue entbrannte eine hitzige Debatte. Bereits Ende der 1980er-Jahre wurde auf de Purys wirtschaftliche Verstrickungen mit dem Versklavungshandel aufmerksam gemacht, im Sommer 2020 wurde ein Farbanschlag auf die Statue verübt. Zudem lancierte das «Collectif pour la mémoire» eine Petition mit der Forderung, die Statue zu entfernen. An ihrer Stelle sollte eine Tafel all jener Menschen gedenken, die unter Rassismus und weisser Vorherrschaft litten und leiden.

Dass auch diese aktuelle Entwicklung der Debatte in die Ausstellung integriert werden sollte, war für das Museumsteam unter der Leitung von Chantal Lafontant Vallotton und Antonia Nessi sofort klar – und dies, obwohl das erste Konzept für die neue Dauerausstellung bereits 2017 stand und damit seiner Zeit voraus war. «Es ist wichtig, diese Debatte aus einer historischen Perspektive zu verstehen», erläutert Chantal Lafontant Vallotton, seit 2001 Co-Direktorin des Museums. So werden in der Ausstellung die Routen des transatlantischen Dreieckshandels auf einer Karte dargestellt und eine Übersicht Neuchâtels zeigt all jene Gebäude, die von Familien oder Unternehmen finanziert wurden, die in koloniale Aktivitäten involviert waren. In Interviews (hörbar an der Audiostation, auf dem Smartphone via QR-Code oder via Website) erklären die Wissenschaftler:innen Thomas David, Bouda Etemad, Matthieu Gillabert und Kristina Schulz, wie insbesondere Neuchâtel ins koloniale Unternehmen involviert war, und berichten zudem über den Stand der Forschung, über Hürden und Diskurse. Transparent und klug vermittelt die Ausstellung die komplexe Geschichte.

Vom Tabu zum vieldiskutierten Thema

Als das MahN 2011 zum ersten Mal in einer Ausstellung das Thema der Familien aufgriff, die in den Versklavungshandel involviert waren, waren die Reaktionen zurückhaltend. Chantal Lafontant Vallotton erinnert sich: «Kaum jemand hat darüber gesprochen: Die Leute schienen eher verlegen zu sein.» Dabei sei es ein unumgängliches Thema, betont Lafontant Vallotton: «Es ist heute unverständlich, nichts zu sagen über diese Thematik.»

Zwei Jahre später erschienen zu einem Vortrag zum Thema gerade mal ein gutes Dutzend Leute. Dann jedoch nahm die Bewegung um Aufarbeitung Fahrt auf: 2018 waren es schon fast 150 Personen, die an einer Diskussion teilnahmen. Und heute stellt sich die Stadt Neuchâtel der eigenen Vergangenheit und den Schatten, die die Figur de Purys auf die Stadt wirft.

Mehr Anfang als Ende

Die Auseinandersetzung ist keineswegs abgeschlossen. Aktuell ist in der Stadt Neuenburg ein Audioguide in Entwicklung, der auf einem Stadtrundgang die Spuren der Kolonialgeschichte aufarbeiten wird. Zudem gab es im November 2021 einen Aufruf zur Einreichung von Kunstprojekten rund um die Statue von David de Pury. Vier Einreichungen wurden im März 2022 prämiert, zwei davon werden nun konkretisiert. Das Museum selbst plant neben weiteren Veranstaltungen für kommenden September einen Vortrag des Historikers Pap Ndiaye, Leiter des Pariser Musée de l’histoire de l’immigration.

Das MahN wagt also den Spagat zwischen wissenschaftlichem Diskurs und niederschwelliger Vermittlung für ein breites Publikum. Die Ansätze sind vielversprechend. Bisher sei die Ausstellung positiv aufgenommen worden, berichtet Chantal Lafontant Vallotton, sie habe ein aussergewöhnlich grosses Echo erhalten. Gute Voraussetzungen für die weitere Arbeit – denn die Ausstellung solle ein Ort sein, der sich weiterentwickelt. «Das ist kein Endpunkt.»

Katharina Flieger