Die Welt erwartet ein Weltwunder

Das Grand Egyptian Museum bei Kairo wird zum ersten Mal alle 5398 Objekte aus Tutanchamuns Grab präsentieren – unter anderem.

Die nächste Welle weltweiter Ägyptomanie steht kurz bevor. Sie dürfte höher sein als alle bisherigen. Der Auslöser ist das Grand Egyptian Museum, kurz GEM genannt. Dieses Juwel misst sich am Weltwunder, dem es direkt gegenüber gebaut wird, den grossen Pyramiden von Gizeh bei Kairo. Das Haus streckt sich weit aus, in Raum und Zeit: Auf einer Fläche von 100’000 Quadratmetern umfasst es rund 50’000 Objekte und vermittelt über 3000 Jahre Geschichte. Nach seiner Eröffnung wird es das grösste archäologische Museum der Welt sein, das sich einer einzigen Zivilisation widmet: dem alten Ägypten.

Der Herr des Hauses ist Tutanchamun. Bald 100 Jahre ist es her, dass Howard Carter 1922 in Oberägypten dessen reich gefülltes Pharaonengrab geborgen hat. Tutanchamuns Totenmaske ging seither mehrere Male um die Welt. Ein Objekt mit Kultstatus, vergleichbar mit der Mona Lisa. Doch viele weitere Grabbeigaben haben es bisher aus Platzmangel noch nicht mal aus dem Keller des alten Ägyptischen Museums am Kairoer Tahrir-Platz geschafft. Nun werden sie alle, vom Streitwagen bis zur Scherbe, zum ersten Mal komplett präsentiert. Gemäss dem prominenten Archäologen Zahi Hawass sind es exakt 5398 Tutanchamun-Objekte – wie alle Zahlen rund um dieses Projekt ändert sich jedoch auch diese je nach Zeitpunkt und Auskunftsperson. Im neuen Labor gleich neben dem Museum ist jedes Stück nach aktuellem Forschungsstand restauriert worden.

Genügend Unterhosen fürs Jenseits

Die Haupthalle des Museums ist so gigantisch, dass darin Flugzeuge Platz finden würden. Beim Eingang begrüsst ein elf Meter hoher Granit-Ramses die Besucherinnen und Besucher. Danach geht es über eine monumentale Treppe vorbei an weiteren Kolossalstatuen. Hier kämen sie in einem ihnen angemessenen Raum zur Geltung, sagt der Ägyptologe Tarek Tawfik, der das GEM bis vor Kurzem als Generaldirektor geleitet hat und weiterhin in dessen Beirat tätig ist. «So kann man sich vorstellen, wie sie einst in den Tempeln oder unter freiem Himmel gewirkt haben.» Die Figuren lassen sich von sämtlichen Seiten betrachten, sogar von oben durch eine darüber schwebende, gläserne Brücke. In einem Fall sogar von unten: Ein Obelisk hängt an einem Seil, sodass man an seiner Unterseite Ramses’ Namen erkennen kann. Zum ersten Mal seit 3300 Jahren.

Wer oben angekommen ist und rechts abbiegt, gelangt direkt zu Tutanchamun. Was gibt es bei ihm Neues zu entdecken? «Die Kleidung!», antwortet Tarek Tawfik prompt. Diese sei im alten Museum kaum zur Geltung gekommen. «Dieser Stoff war an seinem Körper. Das Publikum kann ihm also über die Kleidung so nahe kommen wie nie zuvor. Auch seine goldenen Sandalen sind beeindruckend. Sie waren in äusserst schlechter Verfassung und sind auf Weltklasseniveau restauriert worden.» Dem Pharao wurde vor 3324 Jahren eine stattliche Garderobe mitgegeben. Er wird sich nicht mit häufigen Waschtagen plagen müssen: Allein 300 Unterhosen sind im Koffer fürs Jenseits eingepackt.

Dieses Kulturerbe der Menschheit ist laut Tarek Tawfik endlich in jeder Hinsicht sicher: vor Vandalismus, vor Raub und vor dem Zahn der Zeit. Sämtliche Objekte – 25’000 ausgestellte sowie 25’000 im Magazin eingestellte – würden nun konservatorisch betreut und nötigenfalls restauriert. Ausserdem habe das Museum noch Platz für doppelt so viele Fundstücke, erklärt Tawfik. Bei dem Tempo, in dem seit einigen Jahren Neues ausgegraben wird, erscheint das sehr sinnvoll.

Der Nationalstolz ist stärker als der Hunger

Im Januar 2002 legte der damalige Präsident Husni Mubarak den Grundstein. Neun Jahre später kam die Revolution – und nun Corona. Die Bauzeit und die anfänglich geschätzten Kosten haben sich zwischenzeitlich verdoppelt: auf 1,1 Milliarden Dollar, wie Tarek Tawfik sagt. Dies, obschon die vom irischen Architekturbüro Heneghan Peng konzipierte kilometerlange Hauptfassade aus lichtdurchlässigem Onyx-Stein einer billigeren Eigenvariante aus Glas weichen musste.

Die Kosten sind gewaltig, insbesondere für ein Land, in dem gut ein Drittel der 100-Millionen-Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt. Doch das Projekt sei im Gegensatz zu vielen anderen nie öffentlich kritisiert worden, so Tawfik. Im Gegenteil: Während der Ausschreitungen auf dem Tahrir-Platz stellten sich Menschenketten schützend vor das dortige alte Museum. Mit dem Arabischen Frühling sei das Interesse an diesen Schätzen aufgeblüht. «Die Menschen wollen nun das, was sie gerettet haben, sehen und verstehen», sagt Tarek Tawfik, «man hat gemerkt, dass das etwas Besonderes ist, ein Alleinstellungsmerkmal Ägyptens.» Es würden seither mehr einheimische Besucherinnen und Besucher in Ägyptens grossen Museen gezählt.

Der Nationalstolz ist stärker als der Hunger, mächtiger als die Religion. Sogar die Frommsten im Land verstünden, dass dies ihre Wurzeln seien, meint Tawfik – man sehe keine Verführungsgefahr, die von diesen heidnischen Artefakten ausgehen könnte. Aber auch die Ärmsten sind stolz auf ihr Erbe – undu hoffen, dass es sich gewinnbringend einsetzen lässt. Fünf Millionen Besucherinnen und Besucher jährlich erwartet das Grand Egyptian Museum. Es soll den Tourismus im ganzen Land ankurbeln. Tarek Tawfik glaubt, dass Corona gerade «die Reisesucht» verstärke. Und der neue, nahe gelegene Sphinx-Flughafen soll den Zugang erleichtern.

Szenografie: leicht, vergnüglich und respektvoll

«Die Ägypterinnen und Ägypter wünschen sich, dass ihrem Erbe angemessen Respekt gezollt wird.» Diesen Eindruck hat Shirin Brückner gewonnen, die mit ihrem in Stuttgart ansässigen Atelier Brückner für die Ausstellungsgestaltung zuständig ist. Ihr Ziel sei es, die Objekte einem breiten Publikum leicht, vergnüglich und respektvoll zugänglich zu machen. Die Gegenstände würden so inszeniert, dass sie eine Geschichte erzählen. Im Falle Tutanchamuns den Weg von der Geburt über das kurze Leben bis ins viel wichtigere, da ewig dauernde, Jenseits, stets der Sonne entgegen: «Das wesentliche Gestaltungsmerkmal ist das Licht.» Die Szenografiefachleute machen zudem mit einer massstabs-getreuen Kopie des Grabes deutlich, dass die 5398 Dinge, die sie nun auf 7000 Quadratmetern ausbreiten, einst in einem 30 Quadratmeter engen Versteck übereinandergestapelt lagen.

Shirin Brückner, Jahrgang 1967, hat noch studiert, als der Architekturwettbewerb für das Grand Egyptian Museum ausgeschrieben wurde. «Die Möglichkeit, einmal Inhalte und Exponate von diesem Stellenwert auszustellen, hätte ich mir nie träumen lassen. Es ist eine einmalige Chance, ein Weltmuseum mitzugestalten.» Sie sei dankbar, an diesem Jahrhundertprojekt beteiligt zu sein, sagt Shirin Brückner. Trotzdem würde sie sich wünschen, «dass Weltprojekte auch schneller umgesetzt werden – und vielleicht im Massstab nicht ganz so gross sind».

Dieser Hang zum Übermass wird in Ägypten seit jeher gelebt. Einen Rekord stellt das Museum allerdings auch in Bezug auf die zahlreichen angekündigten und wieder verschobenen Eröffnungstermine auf. Auch der zuletzt für diesen Sommer geplante Termin wird wieder nicht eingehalten – jetzt ist von Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres die Rede. Tawfik hofft auf Letzteres: «Dann kann man es mit dem 100-Jahr-Jubiläum der Entdeckung von Tutanchamuns Grab verbinden.» Der Druck wächst. «Die Welt ist in Erwartung dieses Museums», sagt Tarek Tawfik. «Man will sehen, was Ägypten über die letzten 20 Jahre gebaut hat, will sehen, was man noch nicht gesehen hat.»

Susanna Petrin, freie Journalistin