Gespräch von Berg zu Berg

Peter Langenegger und Anne-Louise Joël sprechen über die Herausforderung, eine kulturelle Institution in den Bergen zu führen.

Das Museum d’Engiadina Bassa befindet sich unmittelbar am Dorfplatz im historischen Kern von Scuol. Die Casa d’Angel steht im Herzen von Lumbrein in der Surselva. Scuol und Lumbrein liegen in Graubünden in geografisch entgegengesetzten Richtungen. Und doch gibt es viele Parallelen zwischen den beiden Kulturhäusern, wie Peter Langenegger und Anne-Louise Joël während ihres Zoom-Gesprächs feststellen.

Wie würden Sie Ihre Kulturinstitution beschreiben?

Peter Langenegger: Das Museum d’Engiadina Bassa ist ein typisches Engadinerhaus aus dem 17. Jahrhundert. Gäste und Einheimische haben die Möglichkeit, darin mehrere original eingerichtete Arvenstuben aus verschiedenen Epochen zu besichtigen. Die «stüva da Lavin» von 1550 ist die älteste öffentlich zugängliche Stube im Engadin. Das Haus beheimatet aber auch viele unerwartete Kulturschätze, zum Beispiel die erste romanische Bibel von 1679 oder die vom Museumsgründer Men Rauch geschenkte Bibliothek. Auch das Gebäude an sich ist eindrücklich. Es wird «la clastra» genannt. Dies, weil Eberhard, Herr von Tarasp, Ende des 11. Jahrhunderts in Scuol Sot ein Kloster errichten liess. Die Grundmauern sind bis heute erhalten.

Anne-Louise Joël: Die Casa d’Angel ist bestimmt 400 Jahre alt. Sie wurde vom Architekten Peter Zumthor renoviert. Wir haben viele Besucherinnen und Besucher, die wegen seiner Architektur kommen. Die Casa d’Angel ist kein Museum, sondern ein Kulturhaus. Wir organisieren Referate oder kleine Konzerte und gestalten einmal im Jahr eine Ausstellung. Aktuell zeigen wir Fotografien aus der Surselva aus der Zeit von 1900 bis 1950. Wir haben Fotografien reproduzieren lassen, die das bäuerliche Alltagsleben im Tal zeigen. Man sieht Menschen, Landwirtschaftsgeräte, Tiere, Bauten. Dieses Jahr haben wir mit dem Museum Regiunal Surselva in Ilanz und mit der Fotostiftung Graubünden in Chur zusammengearbeitet. Somit kann man eine kleine Tour durch drei Häuser machen und Fotografien anschauen.

Was ist Ihr Lieblingsobjekt im Haus?

Langenegger: Es gibt so viele, dass es mir schwerfällt, ein einzelnes Objekt zu nennen. Besonders ist ein Dreirad aus der Zeit des Bädertourismus im Unterengadin, aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Rad gehörte einem Juwelier aus Zernez, der mit diesem Gefährt über den Ofenpass zu seiner Kundschaft in Val Müstair fuhr.

Joël: In der Casa d’Angel gibt es keine Sammlung. Permanent ausgestellt ist nur die grosse Kristallgruppe im ehemaligen Archivraum beim Eingang. Sie ist rund 950 Kilo schwer und wurde im Jahr 2000 am Berg gegenüber gefunden. Der Verein Pro Lumerins hat dem Strahler die Gruppe abgekauft und hier als Leihgabe deponiert. Wundersam ist, wie sie ins Archiv gekommen ist, denn sie passt gar nicht durch die Türe.

Wie kann man als kleine Kulturinstitution für das Publikum attraktiv bleiben?

Langenegger: Unser Museum wurde 1956 gegründet und in den Statuten wurde festgehalten, dass das Museum die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft im Auge behalten sollte. Mit unseren Sonderausstellungen versuchen wir dies zu berücksichtigen. So haben wir eine Ausstellung über Gesang im Unterengadin, über die Rhätische Bahn, über die Baukultur in der Region oder über den Architekten Rudolf Olgiati gemacht. Begleitend dazu gibt es immer Veranstaltungen. Mit unseren Sonderausstellungen wollen wir einen nachhaltigen Effekt und einen Mehrwert erzeugen. So hat sich dank der Ausstellung zu Olgiati eine Gemeinschaft aus den Hauseigentümerinnen und -eigentümern gebildet, die sich nun dafür einsetzt, seine Häuser unter Schutz zu stellen. Aktuell zeigen wir grossformatige Fotografien des bekannten Schweizer Fotografen Peter Ammon. Im Gründungsjahr unseres Museums hat er das bäuerliche Leben im Unterengadin fotografiert.

Joël: Wir haben jedes Jahr eine neue Ausstellung. Bei uns im Tal gibt es viele Zweitwohnungsbesitzerinnen und -besitzer und diese sind unser Hauptpublikum. Sie kommen immer wieder, um zu schauen, was es Neues gibt. Dieses Jahr blicken wir zurück, wir hatten aber auch schon eine Ausstellung mit dem Titel «futur», bei der es um moderne, experimentelle Kunst ging. Da hatten wir Kunstschaffende eingeladen, gemeinsam mit den Einheimischen neue Kunstwerke zu erarbeiten. Wir versuchen stets, die Leute vom Tal zu motivieren, selbst teilzunehmen, damit sie die Angst verlieren, ins Museum zu gehen. Wir wollen ein Haus für alle sein und immer auch relevant für die Menschen hier. Ein Erfolg war die Steinausstellung von 2017, als jeder und jede einen Stein mitbringen und erzählen durfte, was dieser Stein für ihn oder sie bedeutet. Die Steine haben wir mit der dazugehörigen Geschichte ausgestellt. Rund hundert Personen aus dem Tal haben einen Stein gebracht und ihn später mit ihren Familien besichtigt. Uns wurde viel Sympathie für diese Aktion entgegengebracht.

Mit welchen Herausforderungen kämpfen Kulturinstitutionen in Bergregionen?

Langenegger: Es gibt verschiedene Herausforderungen. Eine davon ist die Professionalisierung der Museen. Mein Vorgänger hat das Museum während mehr als 30 Jahren präsidiert und etwa viereinhalb Tage Arbeit im Jahr dafür investiert. Ich arbeite viereinhalb Tage schon nur während eines Monats. Wollen wir eine Chance haben und wichtige Sachen zeigen, müssen wir professioneller werden. Wir wurden vor vier Jahren als Museum von regionaler Bedeutung klassifiziert und erhalten jetzt Unterstützungsbeiträge vom Kanton Graubünden. Gemäss unseren Statuten müssten wir aber Fronarbeit leisten, das heisst: keine Entlohnung für den Vorstand. Dabei investieren wir heute viel mehr Zeit als 1956. Die grosse Herausforderung ist, Leute zu finden, die ehrenamtliche Aufgaben übernehmen. Aber auch, die einheimische Bevölkerung von der Bedeutung der Kultur für die Identität einer Region zu überzeugen. Wir sind zudem ein Verein und müssen das Gebäude selbst erhalten und Investitionen tätigen.

Joël: Wir sind mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert. Die Professionalisierung ist wirklich ein grosses Thema. Ich habe 2014 mit dem Aufbau der Casa d’Angel begonnen. Angefangen habe ich mit einem Pensum von 30 Prozent, inzwischen sind es 60 Prozent, zusätzlich sind heute eine Sekretärin und ein Projektmitarbeiter im Teilpensum angestellt. Auch die Finanzierung ist eine Herausforderung. Zum Glück haben wir mittlerweile gute Leistungsvereinbarungen und gute Bedingungen mit der Hauseigentümerin, der Gemeinde. Aber es ist nicht einfach, Leute zu finden, die bei der Aufsicht oder beim Vorbereiten der Veranstaltungen mithelfen. Im vergangenen Sommer hatten wir fast zu viel Publikum. Das Haus war zu klein und wir konnten nur zehn Personen aufs Mal Einlass gewähren. Aber das ist ein Luxusproblem.

Die Digitalisierung gewinnt zunehmend an Bedeutung. Wie digital ist Ihr Angebot?

Langenegger: Für uns ist diese Investition zu gross. Aber Digitalisierung ist natürlich ein Thema. Unsere Inventarisierung läuft digital, unser Kassensystem ebenfalls und natürlich haben wir eine Internetseite. Im Vorstand haben wir die Frage behandelt, wie digital wir werden wollen. Wir wollen uns sicher an der kantonalen Kulturplattform beteiligen. Wir haben auch einen Multimediaraum, aber Audioguides wollen wir nicht einführen, denn wir wollen den persönlichen Kontakt aufrechterhalten. Eine Führung von Mensch zu Mensch ist etwas anderes als ein Audioguide. Die Leute schätzen das und deswegen bleiben wir analog.

Joël: Ja, ich denke ähnlich wie Peter. Einerseits bin ich selbst kein grosser Fan von Audioguides. Der zwischenmenschliche Kontakt ist wichtig. Die Personen, die Aufsicht machen, sind Einheimische, sie kennen alles und können sogar noch als «Tourismusbüro» fungieren. Unser Publikum schätzt das individuelle Erlebnis und kommt gerne wieder. Mit einer neuen Ausstellung pro Jahr würde es auch zu teuer werden, jedes Mal einen neuen Audioguide zu erstellen. Wir sind nur ein kleines Haus und müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren.

Fadrina Hofmann