Diversität und Inklusion in den schweizerischen Museen

Die Gesellschaft entwickelt sich weiter und die Museen müssen folgen: verschiedene Wege, die Kultur repräsentativer und die Institutionen zugänglicher zu machen.

Stellen Sie sich vor, Sie betreten einen Saal voller Ausstellungsobjekte und können unter den Künstlern keinen entdecken, der wie Sie ist. Oder Sie können schlicht und ergreifend die Schönheit der Werke um Sie herum nicht erleben. Wie würden Sie sich fühlen?

«Die Museen müssen die Herausforderung annehmen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, auch wenn diese Aufgabe immer komplexer wird», meint Seraina Rohrer, Leiterin der Abteilung Innovation & Gesellschaft bei Pro Helvetia. «Sie müssen sich an die Gesellschaft im Ganzen richten, nicht nur an einzelne Gruppen». Eine Studie von SWI swissinfo.ch und RTS vom Juni 2019 zeigte jedoch, dass nur ein Viertel der zwischen 2008 und 2018 in den Kunstmuseen organisierten temporären Ausstellungen weiblichen Künstlern gewidmet war. Und nur 35 Prozent der Museen sind laut der Website des Verbands der Museen der Schweiz für Menschen im Rollstuhl in allen Teilen zugänglich.

Man kann diese Zahlen zum Teil damit begründen, dass Frauen in der Geschichte lange von der Kunstwelt ausgeschlossen wurden und dass viele Museen in historischen Gebäuden untergebracht sind, doch es bleibt Tatsache, dass das Potenzial im Hinblick auf Diversität und Inklusion noch lange nicht ausgeschöpft ist. Ausserdem verdienen neben Geschlecht und Behinderung auch die verschiedenen Migrationshintergründe und die sozialen Schichten Beachtung, sowohl bezüglich der Ausstellungen als auch des Personals der Institutionen.

Die ursprünglich als intellektuelle Brennpunkte entstandenen Museen, die daher einst nur einem ausgewählten Publikum zugängig waren, öffnen heute ihre Pforten für alle. «Das Museum muss ein Forum sein, ein Ort des gesellschaftlichen Austauschs, wo sich Menschen begegnen und über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachdenken können», so Katrin Rieder, Mitinitiatorin des Projekts Multaka, das sich für den Einbezug der Sichtweise von Menschen mit Migrationshintergrund in den Museen einsetzt.

Verschiedene Wege, neue Gesichtspunkte

Das Projekt Multaka wurde 2019 im Bernischen Historischen Museum lanciert und bildete zehn Personen mit Migrationshintergrund zu Museumsguides aus. «Wir wählten Menschen aus, die seit weniger als fünf Jahren in der Schweiz lebten und schon gut Deutsch sprachen», erklärt die Co-Leiterin des Projekts. «Auch auf eine gute Mischung der beiden Geschlechter, der verschiedenen Altersstufen und Herkunftsländer haben wir geachtet.» So führen nun Syam, Halima und Farhad die Besucher und Besucherinnen von Saal zu Saal und diskutieren mit dem Publikum anhand von Ausstellungsobjekten ihre persönliche Sichtweise und erzählen über ihre Erfahrung als Geflüchtete. Heute sind die von Multaka ausgebildeten Guides fest am Historischen Museum angestellt.

Doch das Ziel dieses Vereins, der Mitglied eines internationalen, auch in Deutschland, Grossbritannien und Italien aktiven Netzwerks ist, besteht vor allem darin, einen dauerhaften Wandel auf institutioneller Ebene zu erreichen. «Ein Projekt kann jeden Moment eingestellt werden. Wir müssen daher vielmehr eine Langzeitstrategie entwickeln, die das ganze Museum einbezieht», unterstreicht Katrin Rieder. Das Museum für Kommunikation in Bern nimmt aktuell an der zweiten Phase des Projekts teil, in der eine Diversitätsstrategie erarbeitet wird, die Ausstellungen, permanente Sammlungen, Kommunikation und Personal des Museums betrifft.

Neben der Beachtung der gesellschaftlichen Diversität in den Ausstellungen und beim Personal sollte die Inklusion auch über eine verbesserte Zugänglichkeit der Museen selbst erlangt werden. Der Dachverband der Interessenverbände der Schweizer Kulturinstitutionen Cultura stellt fest, dass «die hohen Eintrittspreise das grösste Hindernis bei der kulturellen Partizipation von Geflüchteten und Asylbewerbern und -bewerberinnen darstellen». Warum nicht gleich an spezifische Vermittlungsprogramme denken, wie zum Beispiel «Die Reise» des Museo Vincenzo Vela im Tessin. Hier können unbegleitete Minderjährige, die Asyl beantragt haben, ihr eigenes Herbarium erschaffen, indem sie in einem der Teilhabe und Integration gewidmeten Umfeld neue Wörter erlernen.

Der Mehrwert der Inklusion

Die Zugänglichkeit der Museen ist auch für Menschen mit Behinderung eine Frage von zentraler Bedeutung. «Die Schweiz hat das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet, und doch wird es viel zu selten umgesetzt», stellt Nicole Grieve fest, die für die französische Schweiz Verantwortliche der Fachstelle «Kultur inklusiv» von Pro Infirmis. «Das Übereinkommen der UNO legt fest, dass allen das Recht auf Inklusion und Teilhabe zukommt, unabhängig von Kapazitäten und Beschränkungen und ohne von der Gesellschaft auferlegte Hindernisse.»

Im Jahr 2014 als Pilotprojekt begonnen, unterstützt und begleitet «Kultur inklusiv» die Kulturinstitutionen, die sich für die Entwicklung der Inklusion von Menschen mit Behinderung einsetzen. «Wenn wir kontaktiert werden, legen wir gemeinsam die Massnahmen fest, die für die Kulturinstitution Sinn haben und die dann in der Folge umgesetzt und konsolidiert werden», erklärt Nicole Grieve. Die Institutionen erhalten ein Label, das ihr Engagement für eine bessere Inklusion in fünf Bereichen belegt: kulturelles Angebot, inhaltlicher Zugang, baulicher Zugang, Arbeitsangebote und Kommunikation.

Heute hat «Kultur inklusiv» 77 Labelpartner. Da Qualität vor Quantität geht, ist der Fachstelle die Schaffung von dauerhaften Partnerschaften wichtig. «Als erstes muss man Verbindungen zwischen der Kulturinstitution und dem Netzwerk der Menschen mit Behinderung in der jeweiligen Stadt oder Region schaffen», unterstreicht Grieve. «Nur die direkte Zusammenarbeit mit den betroffenen Personen ermöglicht es nämlich, eine geeignete Strategie zu entwickeln».

Neben dem Mehrwert, den die Inklusion von neuen Blickwinkeln und Aufmerksamkeiten auf gesellschaftlicher Ebene bringt, können die für ein Publikum mit Behinderung gedachten Einrichtungen auch die Neugier des gesamten Publikums wecken. Die ausgestellten Werke über Sinne zu erfahren, die man normalerweise nicht einsetzt, bietet nämlich ein neues Kulturerlebnis.

Das Museum als Spiegel seiner Zeit

Laut der Definition des Internationalen Museumsrates sind Museen Institutionen, «die nicht gewinnorientiert arbeiten und im Dienst der Gesellschaft und ihrer Entwicklung stehen». Der gesamten Gesellschaft die Teilnahme zu ermöglichen und das Gefühl zu geben, dass sie dazugehört, ist heute also eine Selbstverständlichkeit. In diesem Sinn organisiert Pro Helvetia den ersten Workshop «Start Diversität»: zwei Kurstage, bei denen unter anderem das Thema der Chancengleichheit behandelt wird.

«Nach den Tandems, bei denen in den letzten beiden Jahren Fachleute für Diversität Institutionen im Prozess struktureller Veränderung unterstützten, haben wir erkannt, dass die Frage der Diversität sehr komplex ist und eine Begleitung erfordert», erklärt Seraina Rohrer von Pro Helvetia. Der Workshop richtet sich an Institutionen, die gerade einen Reflexionsprozess in Gang setzen und etwas Anschub brauchen, um ihre Strategien auf den Weg zu bringen.

Für die Gesellschaft der Zukunft

Die in letzter Zeit häufiger auftretenden Anprangerungen von Sexismus und Rassismus betreffen alle Bereiche, auch die Kultur, in und ausserhalb der Grenzen der Schweiz. Im Januar schuf das Musée des beaux-arts du Canada zwei Arbeitsstellen, um die Diversität zu steigern. Eingestellt wurden eine stellvertretende Präsidentin für strategische Veränderung und Inklusion und eine erste stellvertretende Präsidentin für Personen, Kultur und Zugehörigkeit. In England ist im Rahmen des Programms Diversity Matters vorgesehen, dass jährliche Veranstaltungen die besten Praktiken in den Museen im Bereich der Integration und der Diversität präsentieren.

Die Reflexionen und Veränderungen brauchen Geld und vor allem Zeit. Doch wie das Network of European Museum Organisations meint, «bleibt das Museum für alle wohl eine Utopie, doch das Museum für so viele wie möglich muss Wirklichkeit werden». Weil die Museen sicherlich ein Fenster auf die Vergangenheit sind, aber auch, vielleicht sogar vor allem, eine Tür in die Zukunft. Daher ist es so wichtig, die verschiedenen Facetten einer Gesellschaft mit einzubeziehen, und zwar auf beiden Seiten der roten Kordel.

Céline Stegmüller, Journalistin