Zwischen Genuss und Engagement: die Erneuerung der Museen

Das Museum ist nicht länger nur eine Institution im Dienst des Kulturerbes. Inzwischen erwartet man von ihm auch, zugunsten von Menschenwürde, sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit zu agieren. Diese neue Aufgabe stellt die schweizerischen Museen vor eine grosse Herausforderung.

Was macht ein Museum aus, das gesellschaftlich und politisch relevant ist? Ist es ein Anziehungspunkt mit ständig vergrösserten und für ganz unterschiedliche Zielgruppen konzipierten Sammlungen? Eine Agora, ein Ort des Austausches? Eine Zeitmaschine, die «Geschichten» erzählt? Ein engagierter Akteur, der einen neuen Blick auf die Themen bietet, die unsere Zeitgenoss*innen interessieren, und so neues Wissen unterstützt? Oder ist das Museum nicht vor allem ein Bezugspunkt für die Gesellschaft, in der es agiert?

2019 hat ICOM International ein Projekt zur Neudefinition des Museums erarbeitet, in dem «ein stärkeres politisches Engagement» vorgesehen ist, «um Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, globale Gleichheit und das Wohl des Planeten zu fördern». Für den Grossteil der schweizerischen Museen, die kulturell in einer starken bürgerlichen Tradition stehen, stellt dieses ganz neue Ziel eine grosse Herausforderung dar, die ihre Identität stark erschüttern kann.

Während eines halbtägigen Treffens ging die Jahresversammlung des VMS das Thema direkt an. Die Leiter*innen der Museumsinstitutionen sowie verschiedene Akteur*innen der schweizerischen Kulturpolitik diskutierten die aktuellen Stärken und Schwachpunkte der schweizerischen Museen im Hinblick auf die Neudefinition ihrer Mission.

Ohne «pro oder kontra» Stellung zu beziehen, ermöglichten es diese Diskussionen, reichhaltige und ganz unterschiedliche Möglichkeiten zu skizzieren, wie eben auch die schweizerische Museenlandschaft reichhaltig und unterschiedlich ist.

Auf dem neuesten Stand sein

Die vom VMS begonnene Debatte spiegelt eine zentrale Frage wider: Wie können die Museen die Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, sachdienlich angehen? Die Tatsache, dass sie selbst Sinnträger sind, ist ein wesentliches Element der Antwort, und doch muss man, wenn man möchte, dass die Diskussion Früchte trägt, auch zugeben, dass es sich hierbei nicht um einen zeitlosen und statischen Wert handelt.

Jedes Museum sieht sich also mit der Frage konfrontiert: Wie kann man seine ursprüngliche institutionelle Identität bewahren und zugleich weiterentwickeln angesichts der heutigen Welt und ihrer Kapriolen? Wie «auf dem neuesten Stand» bleiben? Dies ist eine beständige und fortschreitende Anpassungsarbeit mit Momenten des Stillstands und mit vielen Schwierigkeiten. Historisch gesehen hatten die Museen bis Mitte des 20. Jahrhunderts zusammen mit Kirchen und Klöstern die Rolle von Tempelwächtern inne, sie beschützten heiliges Gut. Hervorgegangen aus der Industrialisierung und dem Nationalstaat wurden sie gegründet, um den Werten der modernen Gesellschaft ein Fundament zu geben und deren Gründungsgeschichte zu erstellen. Historische Museen inszenierten ausserdem die Kriege und Trophäen des Nationalepos, während die Naturgeschichtlichen Museen die Errungenschaften der sich konstant entwickelnden Wissenschaft rühmten.

Der Schock der Gegenkulturen

Diese anfängliche Aufgabe, in der die Vergangenheit dazu dient, die Zukunft zu schaffen und einzurahmen, ist nicht verschwunden. Ihre Substanz hat sich jedoch verändert, vor allem aufgrund der Gegenkulturen, die in den Jahren 1960-1980 entstanden und tief in die schweizerische Gesellschaft eindrangen. In diesem Kontext sind die Museen nicht mehr nur Tempel, sie werden vielmehr zu Verstärkern der Vergangenheit, zu Maschinen, die die Zeit zurückdrehen und vermischen und die Gegenkulturen dabei integrieren. Sie erfinden sich neu, als Orte der Begegnung, der Lektüre, als Kino, Theater, Buchhandlung, Café oder vieles mehr.

Anders ausgedrückt verwandeln sich die Museen in Orte der Reflexion inmitten einer Gesellschaft, die sich wichtige Fragen zu Umwelt, Gesellschaft und Politik stellt. Die Begegnung der verschiedenen Fachbereiche ermöglicht es ihnen, dem Publikum hilfreiche Herangehensweisen und unerwartete Perspektiven zu bieten. So verbindet zum Beispiel das Nouveau Musée Bienne an der Kreuzung von Archäologie, Geschichte und Kunst diese drei Disziplinen und somit die verschiedenen Perspektiven ihrer Fachleute zu einer gemeinsamen Arbeit an den Exponaten. Ein Überdenken seiner Identität und seiner institutionellen Gegebenheiten kann das Museum dazu bewegen, sein Engagement in aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen zu bekräftigen. Eine solche Neupositionierung erlaubt ihm, eine originelle Linie und eine tiefere Daseinsberechtigung zu finden.

Im Naturgeschichtlichen Museum des Wallis beabsichtigt die Reflexion über die Sammlungen, auch am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Die Arbeit nimmt dabei eine neutrale und unpolitische Position ein, die vom Wissen und den Objekten ausgeht, um den Einfluss des Menschen auf die Natur zu hinterfragen und so dem Publikum zu helfen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Diese kritische Einstellung zu Themen, die Debatten auslösen, kann auf Widerstand treffen, aber sie öffnet das Museum auch einem neuen Publikum und vor allem den jungen Menschen.

Sich mit der Öffentlichkeit verbinden

Der gesellschaftliche Einfluss eines Museums verläuft auch über seine Fähigkeit, in die Gesellschaft auszustrahlen; eine Fähigkeit, die konkret und ungreifbar zugleich ist. Beliebtheit, Wahrnehmung durch die Medien, internationale Kooperation, zahlenmässige Entwicklung, Einzigartigkeit, wissenschaftliche Reputation – das Ausstrahlen ist ein globales Konzept und ein langer Weg, den jede Institution für sich selbst entwickeln muss. Es geht darum, ein subtiles Gleichgewicht zu finden zwischen dem Wunsch, ein grosses Publikum zu erreichen, und der Absicht, sich als Kompetenzzentrum und Informationsstelle durchzusetzen.

Die gesellschaftliche, ja sogar die politische Relevanz des Museums setzt somit die Fähigkeit voraus, ein solches Publikum zu erreichen und genereller gesagt einen Kontakt zur Gesellschaft zu etablieren – ihre Aufmerksamkeit zu erregen, Emotionen und Erinnerungen hervorzurufen, ihr Wissen zu befragen, Austausch zu fördern. Doch wie produziert man einen Auslöser dafür?

Das Erlebnis einer Erfahrung bieten

Um dieser Herausforderung zu begegnen, bieten die Museen den Besucher*innen immer häufiger an, eine Erfahrung zu erleben, die eine Mischung aus Emotion, Begeisterung und heutzutage auch von Infragestellung und bisweilen sogar Provokation ist.

Und es ist entscheidend, in der Lage zu sein, solche neuen Erfahrungen zu bieten, die das Publikum aufrütteln, ohne dabei auch konventionellere Ansätze ausser Acht zu lassen, die zwischen der Institution und ihren Besucher*innen eine dauerhafte Verbindung schaffen.

Hier liegt das Paradox der Museen des 21. Jahrhunderts, welcher Art sie auch seien: Sie sollen beim Publikum ein Klima des Vertrauens schaffen und gleichzeitig auf der Linie ihrer kulturellen Berufung die Besucher*innen ermutigen, sich von den bekannten und erwarteten Präsentationsformen wie auch von den in der Gesellschaft dominierenden Denkweisen wegzubewegen.

Und wo bleibt bei all dem der Genuss? Er ist stets präsent, wird aber immer subjektiver und wandelbarer. Der Fall des Musée gruérien in Bulle ist interessant. Gegenstände ohne ästhetischen Wert, die an die Armut in der Vergangenheit der Region erinnern, faszinieren die Besucher*innen, denn sie erzählen eine Geschichte, die sie berührt und in der sie sich erkennen. Diese Alltagsgegenstände erfreuen das Publikum, aufgrund ihrer emotionellen Bedeutung, über die schlichte ästhetische Würdigung der Dinge hinaus. Sie laden sie ein, sich zu hinterfragen. Was soll man in diesem neuen Kontext in den Museen zeigen? Schon seit langem ist es nicht mehr die Stunde des Ansammelns von Wissen, um «dem Bourgeois zu imponieren«. Jedes Ausstellungsprojekt, ob temporär oder permanent, ist eine Gelegenheit, die Geschichte neu zu schreiben, eine originelle Verbindung zwischen der Raum- Zeit der Besucher*innen und jener der Exponate zu schaffen, mit dem Ziel, das Museum als «Mixer» zu aktivieren, der die Epochen, Orte, Personen und Ideen vermischt. Indem man Neues und Originelles ausgehend vom Alten oder schon Dagewesenen schafft, kann man den berühmten Auslöser, den Klick provozieren, der das Publikum mit den Sammlungen und dem Museum zusammenbringt.

Nicht in Schubladen denken

Alles in allem handelt es sich darum, die Sammlungen auf neue Weise auszustellen – einen neuen Blickwinkel einzunehmen, nicht in Schubladen zu denken, etwas Interdisziplinäres zu wagen. Auf diese Weise können Exponate ganz verschiedener Herkunft, ausgewählt von uns Fachleuten des Gestern und des Heute, Relevanz erhalten, das Publikum ansprechen, Debatten auslösen.

Diese neue Sicht bei der Interpretation der Sammlungen kann ganz vielfältige Gesichter haben. Wie auch das Kino bietet das Museum eine Sicht auf etwas, das man anderswo nicht findet. Daher sollte es seine Besonderheit und seine lokale Verankerung kultivieren, mit Hilfe einer Ausdrucksvielfalt, die sich verschiedenen Zielgruppen öffnet und ständig in Bewegung bleibt.

In diesem Sinn verdient es die Zukunft, genauer erforscht zu werden, durch Ausstellungen mit Perspektive, mit Utopien und Uchronien, die sich gegenseitig Antwort geben. In der Villa dei Cedri in Bellinzona stellen zeitgenössische Künstler eine tragische und poetische Vision der Welt vor, die der Gegenwart neuen Zauber verleiht: So berühren sie eine Generation, die von den Gemälden der Meister des 19. Jahrhunderts in ihrer klassischen Präsentation vollkommen unbeeindruckt bleibt.

Zusammenfassend zeichnet sich am Ende der Jahresversammlung des VMS eine subversive Idee ab: Ausgehend von einer Sammlung, die in einer aus dem bürgerlichen Universum stammenden Institution untergebracht ist, kann eine zeitgenössische Fragestellung ausgehen, die imstande ist, unsere Gesellschaft anzusprechen. Der Genuss geht dabei jedoch nicht verloren, im Gegenteil. Anstatt sich selbst zu genügen, wird das Staunen zum Ausgangspunkt einer Befragung der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft unserer Welt.

Adélaïde Zeyer, Château de Morges et ses Musées, Mitglied des VMS-Vorstands