Museen in den USA stemmen sich gegen die Pandemie

Das Coronavirus zwingt die Museumsverwaltungen der Vereinigten Staaten, ungewohnte Wege zu gehen. Jetzt, da sie um das Überleben ihrer Museen kämpfen müssen, wurde für die kommenden zwei Jahre der Verkauf eines Teils der Sammlungen genehmigt.

Noch vor fast genau einem Jahr gelangten Echos einer kreativen Unruhe und Aufregung von der anderen Seite des grossen Teichs – genauer gesagt aus New York – bis nach Europa und schufen dort vielleicht sogar einen Anflug von Neid, doch heute hat sich Situation ganz entschieden geändert, und statt Aufregung herrscht Sorge: concern.

Doch alles der Reihe nach. Im Oktober 2019 wurde in Manhattan der neue Anbau des Museum of Modern Art, MoMA, des Mekkas für Designliebhaber aus aller Welt, eröffnet. Im Zuge dieser enormen Erweiterung, die 450 Millionen Dollar kostete und von den Stararchitekten Jean Nouvel und Diller Scofidio + Renfro zusammen mit Ganser geleitet wurde, hatte das MoMA sogar das daneben gelegenen Folk Art Museum geschluckt. Es wurde abgerissen, um Platz zu schaffen für das 82 Stockwerke hohe Gebäude 53W53, dessen unterste drei Geschosse mit etwa 4.500 Quadratmetern als Ausstellungsräume genutzt werden, der Rest als Eigentumswohnungen, deren Wert zwischen 6 und 60 Millionen Dollar schwankt.

Der folgende Umbau, der vier Monate dauerte, während derer das Museum geschlossen blieb, sollte alle Bereiche umfassen. Es ging nicht nur um die Erweiterung der Ausstellungsräume und die Schaffung eines Wohnhochhauses über dem Museumsanbau, vielmehr wollte man auch das Ausstellungskonzept erneuern. Schluss mit dem chronologischen Rundgang durch die neuere und die zeitgenössische, noch im Entstehen begriffene Kunstgeschichte, zugunsten einer Reihe von Möglichkeiten, die den Besucher*innen von den Kurator*innen angeboten werden, damit sie selbst wählen können, wie sie sich durch die Ausstellungsräume bewegen möchten – alles im Sinne einer flüssigen Kunst, die in perfektem Einklang mit unserer Zeit und unseren Lebensanschauungen steht (nach dem Konzept, das Zygmunt Bauman als «flüssig» definierte). Werke aus verschiedenen Kontexten kreuzen sich vor den Augen der Besucher*innen in einem Spiel der Idiosynkrasien, aus dem ein neues storytelling entsteht. So wird der Ausstellungsgegenstand in einer Art Kaleidoskop der Wirklichkeit gezeigt, im Zeichen der absoluten Freiheit. Wie das MoMA selbst in einem Text auf der Webseite erklärt, der den «Fall Reveal» ankündigt, wird die im November eröffnete Herbstausstellung eingerichtet «in Anerkennung der Tatsache, dass es weder eine einzige noch eine komplette Geschichte der modernen und zeitgenössischen Kunst gibt» («recognizing that there is no single or complete history of modern and contemporary art»).

Das Wichtigste ist, das Überleben zu sichern

Das MoMA in New York, das seit seiner Gründung im Jahr 1939 eine Art futuristischen «Fremdkörper» im Herzen von Midtown Manhattan darstellt, war wegen seiner mutigen Ideen und wegen des von ihm ausgehenden Magnetismus, mit seiner Mischung aus der Zelebration der Kunst und einem extrem geschickten Marketing (kein Zufall, dass man sich für die Zusatzeinnahmen vor allem auf den Museumsshop konzentriert) schon seit jeher ein Bezugspunkt für die Kunstwelt, von der es als opinion maker anerkannt wird. Nolens volens ist diese neue Wirklichkeit des Museums ein Fortschritt, und sie wird zum grössten Teil auch positiv angenommen (kritische Stimmen gab es vor allem wegen des Abrisses des Folk Art Museum und wegen der Gefahr, ein so freies Ausstellungskonzept könne Verwirrung stiften). Ausserdem liess sie die Besucherzahlen auf 3 Millionen jährlich steigen. Dank der umgebauten Räume, die jetzt für eine grössere Rotation der Werke aus den Sammlungen zum Teil modular nutzbar sind, dank des Fehlens einer definierten und definitiven Struktur, dank des Verzichts auf obligatorische Ausstellungsverläufe und dank des neu entstandenen Dialogs zwischen einzelnen Werken und Perioden erfüllt das MOMA voll und ganz die Museumsdefinition des ICOM (International Council of Museums) von Kyoto 2019: «Räume, die demokratisierend wirken und inklusiv und vielstimmig sind, für einen kritischen Dialog».

Durch seine Erweiterung wollte das MoMA eine Besucherzahl von jährlich 3,5 Millionen erreichen, doch im April kam die Nachricht, dass die New Yorker Institution gezwungen war, 85 Mitarbeiter der Abteilung für Didaktik fristlos zu entlassen. Und dass die Krise nicht nur an der Oberfläche kratzt, erkennt man an einem Satz aus der E-Mail, mit der diese Arbeitsverhältnisse beendet wurden: «Es werden Monate, wenn nicht Jahre, vergehen, bevor wir wieder Budgets und Arbeitsniveaus erreichen, die auch didaktische Leistungen erneut nötig machen». Man geht also davon aus, dass lange unsichere Zeiten bevorstehen, in denen das Konzept des Planens von Museumsprojekten entschieden in den Hintergrund tritt und dem des Durchhaltens Platz macht.

Eine allgemeine Krise

Und das MoMA steht in dieser Krisensituation nicht alleine da, wenn man bedenkt, dass das Whitney Museum of American Art 76 Mitarbeiter entliess und das Massachusetts Museum of Contemporary Art 120 (von insgesamt 165). Die von Covid-19 erzwungene Schliessung der Museen brachte zwar kreative Einfälle mit sich, wie lobenswerte Online-Initiativen hier und da zeigen, die entstanden, um die Nutzer*innen nicht ganz zu verlieren (siehe Schweizer Museumszeitschrift Nr. 14), doch sie traf die bereits davor fragile Museumswelt wie ein brutaler Hieb mit dem Henkersbeil.

Wir haben hierzu ein Telefongespräch mit Tiffany Gilbert geführt, der Verantwortlichen für Conference Education der American Alliance of Museums. Wie viele Kolleg*innen arbeitet auch Gilbert im Home Office und versucht, sich aufzuteilen zwischen den Bedürfnissen ihrer Familie und denen eines Sektors, der selbstverständlich gerne wieder Fahrt aufnehmen möchte, sich aber nicht sicher bewegen kann, da er ständig von der Entwicklung der Fallzahlen der Covid-Pandemie abhängt. Gilbert erzählt von ganz unterschiedlichen Stimmungslagen, denn je nach Lage und finanzieller Situation wird es Museen geben, die durchkommen, und andere, die wohl schon bald für immer schliessen werden. Einige Institutionen denken gerade über eine mögliche Wiedereröffnung nach, nach dem Motto «We are where we are» (Wir stehen, wo wir stehen), arbeiten an neuen Ideen und untersuchen, über welche Kanäle man am besten die Gemeinschaft der Museen unterstützen und den Kontakt mit den Nutzer*innen aufrecht erhalten kann. Doch ganz egal, was sie planen, wie engagiert sie sind und wie bereit, sich zu ändern – alles hängt davon ab, wie sich die Infektionszahlen entwickeln.

Notfallmassnahmen

Die Covid-Krise hat sich überall so drastisch eingeschlichen, dass immer mehr Museen in den Vereinigten Staaten darüber nachdenken oder sogar ankündigen, eine sogenannte deaccession vorzunehmen, also die kontrovers diskutierte Versteigerung von Kunstwerken aus ihren Sammlungen. Die Association of Art Museum Directors (AAMD) akzeptierte (obschon ohne jegliche rechtliche Handhabe) den Verkauf von Werken durch die Museen einzig und allein, wenn er den Ankauf neuer Werke und somit eine Diversifizierung und Aktualisierung der Exponate zum Ziel hatte. Dies war zum Beispiel beim Baltimore Museum of Art der Fall, das 2018 beschloss, sieben Werke von männlichen Nachkriegskünstlern kaukasischer Provenienz zu verkaufen und mit dem Erlös Werke von Künstlerinnen und von Afroamerikaner*innen zu erstehen. Ein Jahr später verkaufte das San Francisco Museum of Modern Art aus ähnlichen Gründen einen Rothko für 50 Millionen Dollar.

Im April dieses Jahres, etwas mehr als einen Monat nach Beginn des Lockdowns, beschloss die AAMD in den USA jedoch, mit einer aussergewöhnlichen Massnahme den Standardkodex an die Ausnahmesituation anzupassen: Zwei Jahre lang können die Museen Werke aus ihrer Sammlung verkaufen, wenn dies dem Erhalt der Sammlung selbst dient. Eine Entscheidung, die versucht, zu retten, was zu retten ist und ein Ausbluten aufzuhalten, das bereits lange vor der Pandemie begann, von dieser jedoch beschleunigt wird.

Auch die privaten Mäzene und Mäzeninnen versuchen, Löcher zu stopfen und rettend einzugreifen, denn sie haben erkannt, welche Einnahmequellen rund um das Netz der Museen geschaffen werden und wie wichtig auf allen Ebenen der Gesellschaft ein konstanter Dialog zwischen den Menschen und der Kunst ist. So stellen sie Unterstützungsfonds auf. Der Paul Getty Trust richtete zum Beispiel einen Fond von 10 Millionen Dollar ein, um die bildende Kunst zu unterstützen, und noch einmal 10 Millionen Dollar stiftete der Andrew W. Mellow Fund.

Das Jahr 2020 ist noch nicht vergangen, und seit Beginn Oktober steigen die Infektionen rasant an. Diesmal, vielleicht zum ersten Mal überhaupt, ist die ganze Welt in einer Ungewissheit vereint, deren Zeitverlauf und Folgen man nicht absehen kann. So bleiben uns nur das Warten, das Träumen und die Hoffnung.

Simona Sala, Kulturjournalistin, verantwortlich für die Kultursparte von Azione, Herausgeberin und Übersetzerin.