Unerzählten Geschichten Gehör verschaffen

Mehr wagen, Potenziale ausschöpfen: Dafür plädiert Jasminko Halilovic. Im Gespräch erklärt der 32-jährige Gründer und Direktor des War Childhood Museum in Sarajevo seine Vision.

Jasminko Halilovic kam 1988 in Sarajevo zur Welt, verbrachte dort seine Kindheit und absolvierte später ein Masterstudium in Finanzmanagement. 2012 publizierte er das Buch «Kindheit im Krieg – Sarajevo 1992–1995». Das Werk umfasst Erinnerungen von rund 1’600 Menschen, die ihre Kindheit während des Krieges in Sarajevo verbrachten. Es fand derart viel Anerkennung, dass daraus bald ein Museumsprojekt entstand. 2017 eröffnete das War Childhood Museum seine erste Ausstellung. Der Gründer und Direktor Jasminko Halilovic war Anfang dieses Jahres zu Gast am erstmals durchgeführten und vollbesetzten Schweizer Museums-Marketingtag im Rahmen der Cultura Suisse in Bern. Im Anschluss trafen wir ihn zum Gespräch.

Katharina Flieger: Herr Halilovic, bereits kurz nach der Eröffnung wurde das War Childhood Museum mit dem 2018 Council of Europe Museum Prize geehrt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Jasminko Halilovic: Preise wie dieser sind auf internationaler Ebene kaum bekannt. Das bringt keinen Ruhm wie etwa ein Oscar. Aber man kann ihn für die Kommunikation nutzen und profitiert davon, dass man von den Behörden mehr respektiert und besser unterstützt wird. Der Preis erhöht auch unsere Glaubwürdigkeit bei Leihgebern, er öffnet Türen für neue Partnerschaften. Somit macht er uns das Leben etwas leichter. Und er ist eine zusätzliche Bestätigung für mein Team, die Qualität und die Relevanz dessen, was wir hier tun.

KF: Während Ihres Vortrags eben plädierten Sie für ein stärkeres unternehmerisches Denken der Museen. Weshalb?

JH: Meine bisher wichtigste Erkenntnis als Museumsdirektor ist, dass es falsch ist, Museumsarbeit und Unternehmertum zu trennen. Denn da gibt es eigentlich keinen Unterschied: Man muss um Besucherinnen und Besucher kämpfen, muss sich gegen andere Unterhaltungsangebote wie etwa Kinos oder Restaurants durchsetzen. Man kann sich nicht zurücklehnen und auf das Publikum warten, sondern muss die Leute immer wieder aktiv gewinnen, sich selbst dabei stetig verbessern. Das entspricht dem unternehmerischen Denken. Darum plädiere ich dafür, den unternehmerischen Aspekt stärker in den Fokus zu rücken. Nicht weil Museen zu Firmen werden sollen, sondern weil ich denke, dass sie dadurch dynamischer werden können.

KF: Was wäre damit gewonnen?

JH: Viele Museen nutzen technologische Möglichkeiten zu wenig – sei es für die eigene Website, in Form von Apps, für die Vermittlung oder für Werbung. Im Gegensatz zu anderen Branchen ist da vieles veraltet. Besonders in unserer Region, aber auch in Westeuropa und den USA begegne ich immer wieder überholten, unattraktiven Formaten. Da müsste man mehr Energie investieren, denn das Potenzial ist riesig!

Museen haben im Gegensatz zu anderen Institutionen einen grossen Vorteil: Sie können alles machen! Sie verfügen über virtuelle und physische Räume, können alle Arten von Objekten und Geschichten multimedial präsentieren. Museen geniessen das Vertrauen der Menschen, sie können bilden und unterhalten, ja sie können gar Leute zum Übernachten einladen. Darum schmerzt es mich zu sehen, wenn Museen um Publikum und Aufmerksamkeit kämpfen müssen.

KF: Um Aufmerksamkeit kämpfen müssen Sie ja nicht. Im Gegenteil: Sie erfahren viel Unterstützung, weiten Ihre Sammlung aus.

JH: Ja, wir arbeiten heute auch im Libanon, in der Ukraine und mit syrischen Flüchtlingen in Serbien und Bosnien. In Berlin werden wir ein Büro eröffnen, damit wir uns mit unserer Wanderausstellung einfacher innerhalb der EU bewegen können. Wir verfolgen unterschiedliche Strategien, um unsere Sammlung zu vergrössern, und bilden Leute methodisch dazu aus, die Feldarbeit zu machen und Objekte zu sammeln. Da akzeptieren wir alle Objekte, die erkennbar relevant mit einer Erinnerung verbunden sind. Das eigentliche Herzstück der Sammlung sind Geschichten – die Objekte nutzen wir, um diese zu erzählen.

KF: Diese Geschichten stossen auf vielfältiges Interesse. Welche Art von Kooperationen gehen Sie ein?

JH: Wir pflegen die internationale Zusammenarbeit mit zahlreichen Universitäten, mit Forscherinnen und Forschern aus unterschiedlichsten Gebieten wie Psychologie, Geschichte, Museologie. Schriftstellerinnen, Fotografen, Künstlerinnen wenden sich mit eigenen Initiativen an uns. Es ist uns wichtig, dass die gesammelten Materialien auf ganz unterschiedliche Weise genutzt werden können. Darum bemühen wir uns auch um englische Übersetzungen. Ich freue mich immer, wenn neue Leute auf uns zukommen, wenn es uns gelingt, als Plattform zu wachsen.

KF: Sie investieren Ihre ganze Energie in dieses Museumsprojekt, kommen aber ursprünglich aus der Finanzwelt. Woher rührt diese Motivation, dieser enorme persönliche Einsatz?

JH: Ich bin selber Teil der Generation bosnischer Kriegskinder. Ich wollte etwas für diese Generation tun, wollte, dass ihre Geschichten gehört werden. Daraus wurde eine professionelle Mission. Viele Menschen sind es müde, schlechte Nachrichten zu hören, sich mit Krieg und Gewalt auseinanderzusetzen. Aber den Geschichten der Kinder hören sie zu. Damit können wir einen Beitrag leisten zu einem globalen Bewusstsein für die Bedürfnisse von Kindern. Und den erzählenden Menschen hilft es, in ihrem Prozess des Umgangs mit dem Kriegstrauma ein Stück weiterzukommen.

Als ich vor einiger Zeit in Japan war, unterhielt ich mich mit Menschen, die als Kinder den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatten. Sie sagten mir: «Nun sind 70 Jahre vergangen, und niemand hat uns je gefragt, wie es für uns war.» Die Geschichten von Kindern sind unerzählte Geschichten – selten gehört und ohne Gewicht in Gerichtsverhandlungen. Im Vordergrund stehen meist die Geschichten von Soldaten, von Politikerinnen und Politikern, von Medienschaffenden. Diese Lücke müssen wir schliessen. Darum ist unsere Mission wichtig. Darum wollen wir daraus ein weltweites Projekt machen.

Katharina Flieger, Redakteurin Schweizer Museumszeitschrift

War Childhood Museum