Digitalisierung und Bibliotheken – geht das zusammen?

Die Digitalisierung eines komplexen bibliothekarischen Systems aus Archiven, Geschichten und Büchern: wie das gehen kann, darüber sprechen wir mit dem Tessiner Stefano Vassere, Leiter des Sistema Bibliotecario Ticinese.

Die Definition, die man in der renommierten Enciclopedia Treccani findet, ist ganz einfach: Digitalisierung ist «die Übersetzung von Informationen in Computersprache». Ein wenig komplizierter wird es, wenn man zu verstehen versucht, was diese Übersetzung bedeutet, die man vielleicht als Boot verstehen kann, das wertvolle Fracht von einem Ufer zum anderen transportiert und die auf zwei Ebenen abläuft, der technischen einerseits und der konzeptuellen andererseits. In diesen epochalen Prozess ist unvermeidlich auch der kulturelle Sektor eingebunden, der aus zahlreichen Disziplinen besteht, von der Musik zur Literatur, über Theater, Museen, Kunstwerke und so vieles mehr. Auch die Bibliotheken, Hüter des Wissens der Menschheit seit jenem antiken und wegbereitenden Gebäude, das 305 vor Christus in Alexandria in Ägypten errichtet wurde, können und wollen sich verständlicherweise diesem Prozess nicht entziehen, der inzwischen alle Aktivitäten des Menschen betrifft.

Neue Energie für Archive und antike Buchbestände

Mit dieser Entwicklung setzt sich auch der Linguist Stefano Vassere auseinander, Leiter des Sistema Bibliotecario Ticinese, Universitätsdozent, Journalist und im Tessin äusserst aktiver Kulturschaffender, mit dem wir uns im lebhaften Kulturzentrum mit Bibliothek La Filanda in Mendrisio getroffen haben. Wie so viele andere auch begleitet Vassere diesen komplexen und schwierigen Vorgang aus der Nähe und weiss daher, was es bedeutet, Wissen zu digitalisieren, also etwas, das zum Flüchtigsten und zugleich Solidesten gehört, das es gibt. «Aufgabe der Bibliotheken ist es selbstverständlich», erklärt Vassere, «den Zugang zum E-Book zu ermöglichen, aber darüber hinaus auch die eigenen Originalmaterialien wie antike Buchbestände oder eigene Produktionen (Akten von Symposien oder anderen kulturellen Aktivitäten, Ausstellungskataloge usw.) zu digitalisieren. Daher hat im Tessin die Divisione della cultura e degli studi universitari schon seit geraumer Zeit eine digitale Bibliothek geschaffen, die die Materialien sammelt und von einem einzigen Ort aus verfügbar macht« (bibliotecadigitale.ti.ch). Es ist tatsächlich ganz wesentlich, dass der Digitalisierungsvorgang zentralisiert abläuft, denn ein so umfangreiches Projekt impliziert, neue Kompetenzen zu erlernen und ständig neue Materialien und Bestände auszuwählen, die digitalisiert werden sollen.

Achtung: nicht alles ist digitalisiert

Ein sogenannter digital immigrant, also jemand, der mit Bibliotheken aus echten und oft alten und staubigen Büchern, mit einem Kärtchen, das die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Institut bescheinigte, aufgewachsen ist, hat oft Angst, in den Windungen der körperlosen Informatik könne etwas verloren gehen, doch laut Vassere ist das wahre Problem ein anderes: «Es besteht die paradoxe Gefahr, dass man nur noch das digitalisierte Material als bedeutend ansieht.

Wenn wir beschliessen, einen Bestand online verfügbar zu machen, kommt die Sorge auf, dass der Nutzer und auch die Bibliothek selbst das von der Operation ausgenommene Material komplett vergessen. In diesem Sinn wird dem digitalisierten Material ein zusätzlicher Wert zugesprochen, und dies ist in einigen Fällen ungerechtfertigt. Ein wenig ist das so wie einst mit den Fotokopien; Umberto Eco meinte, die Fotokopie eines Artikels oder eines Buchs lasse im Leser fälschlich den Eindruck entstehen, den Inhalt zu besitzen, sogar ohne ihn gelesen zu haben».

Es ist also nicht unangebracht, die Annäherung von Digitalisierung und Bibliotheken als einen Widerspruch zu sehen? «Wir müssen über die Tatsache hinausgehen», meint Vassere, «dass die Digitalisierung ein Gegenspieler der Bibliothek in ihrer traditionellen Rolle und als Ort sozialer Gemeinschaft ist. Man sollte nicht vergessen, dass die Rolle der Bibliothek auch die einer Wissensagentur ist, die Kenntnisse und Kultur in allen Formen verbreitet und auch die Berufung hat, neue Prozesse und Tendenzen zu erkennen». Doch man sollte nicht übertreiben, warnt Vassere abschliessend, denn wenn eine Bibliothek wirklich all ihr Material in digitaler Form anbieten würde, wäre der Behälter dieses Materials, das Bibliotheksgebäude, der grossen Herausforderung ausgesetzt, neue Rollen und Berufungen zu finden und seine Aufgabe zu überdenken.

Simona Sala, Kulturjournalistin, seit mehr als 20 Jahren Leiterin der Abteilung Kultur von Azione, Kulturschaffende, Verlegerin und Übersetzerin

Sistema bibliotecario ticinese