Die Kulturbotschaft 2021–2024: eine Botschaft für alle?

Was beinhaltet die Kulturbotschaft 2021–2024? Wie betrifft sie die mittleren und kleinen Institutionen? Und was können diese gegen die «digitale Kluft» zwischen ihnen und den grösseren Häusern tun? Ein Gespräch mit Stefan Zollinger über die Stellungnahme des VMS zur Vernehmlassung der aktuellen Kulturbotschaft.

Komplexe Regelwerke stellen die Förderung, den Erhalt und die Finanzierung der schweizerischen Kulturinstitutionen sicher. Eine dieser Massnahmen ist die Kulturbotschaft. Seit dem Bundesgesetz über die Kulturförderung (Dezember 2009) verabschiedet der Bund alle vier Jahre dieses Papier, das festlegt, in welcher Form das Bundesamt für Kultur (BAK) die breite Kulturlandschaft fördert. Dabei ist die Stellung des Bundes eindeutig festgelegt: Kantone, Gemeinden und Städte bleiben in der Ausgestaltung ihrer Kulturpolitik gegenüber dem Bund autonom. Für die Förderung oder den Betrieb der Museen und Sammlungen, unabhängig davon, ob sie sich in öffentlicher oder privater Hand befinden, ist also nicht in erster Linie der Bund zuständig. Ausgenommen davon sind vier voll finanzierte Institutionen, die sich unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums als eigene Rechtskörperschaft zusammengefunden haben. Ebenso betreibt das BAK weitere bundeseigene Museen und Kunstsammlungen. Artikel 10 des besagten Kulturförderungsgesetzes jedoch ermöglicht es dem BAK, Museen, Sammlungen und Netzwerke Dritter finanziell zu unterstützen. Zu Letzteren gehören unter anderem auch der Verband der Museen der Schweiz (VMS), die Stiftung Schweizer Museumspass und Memoriav, der Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz.

Immer grössere Ausstellungen Die Kulturbotschaft wandelt das Gesetz in praktische Handlungen um. Sie legt fest, welche Institutionen zur Bewahrung des kulturellen Erbes in den geltenden Förderperioden Betriebs-, Versicherungskosten- oder Projektbeiträge erhalten. Grosse Ausstellungsprojekte mit internationaler Strahlkraft können Beiträge an die Versicherungsprämien für wertvolle Leihgaben beziehen. Damit wird sichergestellt, dass weiterhin dem Wunsch des Publikums nach Ausstellungen mit internationaler Strahlkraft Rechnung getragen werden kann, auch wenn die stetig steigenden Versicherungsprämien immer wesentlichere Teile des Budgets in Anspruch nehmen. Um auf ebensolche Entwicklungen hinzuweisen, hat der VMS gemeinsam mit dem ICOM Schweiz eine Stellungnahme zum Entwurf der Kulturbotschaft 2021–2024 formuliert. Darin wird beispielsweise eine Erhöhung der Unterstützungsbeiträge für Versicherungsprämien gefordert.

Einen weiteren grossen Anteil der Leistungen des Bundes machen finanzielle Unterstützungen für Betriebskosten aus. Seit der letzten Botschaft müssen sich Institutionen, die Beiträge an die Betriebskosten erhalten, um eine Fortsetzung der Förderung bewerben. Das Vergabeverfahren baut seither auf einem Kriterienkatalog auf, den das BAK erarbeitet hat. Für die Museen ändert sich künftig wenig. Dies wird positiv bewertet, so jedenfalls äussert sich Stefan Zollinger: «Wir finden es wichtig, dass die Betriebsbeiträge weiter finanziert werden und dass das System der Ausschreibungen gleich bleibt. Es gibt Museen, die darauf angewiesen sind – gerade die grossen.» Doch geht der Verband in seinen Überlegungen noch einen Schritt weiter: «Wir meinen, dass vier Jahre für Betriebsbeiträge eines Museums eine relativ kurze Zeit sind. Sinnvoller wäre, diese längerfristig zu vergeben.» Konkret schlägt der VMS in seiner Stellungnahme eine Laufzeit von acht statt vier Jahren vor.

Ebenfalls beibehalten wird der in der vorangegangenen Kulturbotschaft formulierte Fokus auf die Förderung der Provenienzforschung. Der Bund vergibt auch weiterhin Beiträge an Projekte, die auf diesem Gebiet Forschung betreiben. 2018 konnten zwölf Museen Projektgelder akquirieren, um sich der lückenlosen Herkunftserforschung der Kunstwerke zu widmen, die in Verdacht stehen, Raubkunst zu sein. Das Kunstmuseum Basel beispielsweise konnte damit einen in der Sammlung befindlichen Ankauf von 200 Zeichnungen aus dem Jahr 1933 untersuchen.

Die digitale Kluft

Auf die Frage, ob es möglich wäre, weitere Institutionen durch Betriebs- oder Projektbeiträge direkt vom Bund unterstützen zu lassen, bestärkt Stefan Zollinger die aktuelle Kulturpolitik des Bundes: «Es macht Sinn, wenn der Bund grössere Institutionen von nationalem Interesse mit Betriebsbeiträgen fördert und nicht möglichst viele kleinere Museen subsidiär unterstützt – das ist die Aufgabe der Kantone und der Gemeinden.» Zunehmend sieht er die Rolle des VMS und anderer Netzwerke Dritter darin, eine Brücke zwischen grösseren und kleineren Institutionen zu schlagen, um einen Wissenstransfer anzuregen. In der Stellungnahme ist deshalb die Rede von einer «digitalen Kluft», die zunehmend sichtbar werde. Stefan Zollinger führt aus: «Es wäre sinnvoll, nach der Provenienzforschung das Thema Digitalisierung mit Projektbeiträgen anzustossen. Das Thema wird alle Museen herausfordern, auch die kleinen. Und nicht nur die Museen, sondern die gesamte Gesellschaft.» Ausserdem sieht sich der Verband in der Plicht und in der Position, ein Projekt auf dem Gebiet der Digitalisierung zu entwickeln, das seine vielfältigen Mitglieder in den Bereichen Inventarisierung, Vermittlung, Administration und Kommunikation unterstützen soll. Museen und Sammlungen können bereits heute von Dienstleistungen des VMS oder von Memoriav und damit indirekt von der Förderung des Bundes profitieren. Das Museum im Bellpark etwa konnte, mit Unterstützung von Memoriav, ein Erhaltungs- und Katalogisierungsprojekt anstossen: 3'000 Glasplatten des ersten Krienser Fotografen Emil Kreis (1869–1929) konnten gesichert und so das Fotoarchiv eines der bedeutendsten Industriefotografen der Region Luzern um 1900 einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Damit leistete die vergleichsweise kleine Institution in Zusammenarbeit mit Memoriav einen grossen Beitrag zum Erhalt des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz und realisierte überdies ein Projekt mit Signalwirkung.

Die Botschaft hinter der Kulturbotschaft

Der VMS vertritt mit rund 770 Mitgliedern knapp drei Viertel aller musealen Institutionen der Schweiz. Damit die Stellungnahme ein möglichst umfangreiches Meinungsbild spiegelt, haben VMS und ICOM ihre Mitglieder befragt und anschliessend alle Rückmeldungen darin einfliessen lassen. «Auch die kleinen Museen konnten sich in unsere Stellungnahme einbringen. Sie erscheinen damit auf der Bühne der nationalen Kulturpolitik und bekommen durch den VMS eine Stimme», kommentiert Stefan Zollinger den Prozess der Mitgliederbefragung. Die Umfrage ist ebenfalls ein Beispiel dafür, in welcher Form Netzwerke Dritter eine Wirkung entfalten können. Gerade der Zusammenschluss von kleineren und mittleren Institutionen und das Engagement in Verbänden hält Stefan Zollinger für eine zukunftweisende Strategie. Jedoch könnte mit der neuen Kulturbotschaft eine Veränderung bevorstehen: «Der aktuelle Botschaftsentwurf sieht vor, neu weitere Netzwerke Dritter zu fördern, den Budgetposten gesamthaft aber nicht zu erhöhen. Sollte dies so umgesetzt werden, stehen den bisherigen Netzwerken und damit auch dem VMS weniger Mittel zur Verfügung», kritisiert Stefan Zollinger den entsprechenden Absatz der Kulturbotschaft über die Betriebsbeiträge für Netzwerke Dritter.

Stefan Zollinger hat noch eine weitere Sicht auf das Regelwerk: «Weil es wegen der Kulturhoheit der Kantone keine nationale Kulturpolitik gibt, hat sich die Kulturbotschaft stark zu einer Art Leitbild entwickelt.» Insbesondere die seit der zweiten Kulturbotschaft formulierten Handlungsachsen «Kulturelle Teilhabe», «Gesellschaftlicher Zusammenhalt» sowie «Kreation und Innovation » gelten als verlässliche Orientierungshilfen für Kulturschaffende. Demnach machen sich der VMS und der ICOM auch aus ideellen Gründen dafür stark, die Bedeutung der Museen und insbesondere die seiner Mitarbeitenden in der Kulturbotschaft noch mehr zu unterstreichen. Es gilt damit, ihre Arbeit in der Vermittlung, in der Forschung und vor allem im Bereich der kulturellen Teilhabe zu würdigen.

Silvia Posavec, Studentin Kulturpublizistik (ZHdK) und freie Journalistin