Global, lokal, total egal?

Der diesjährige Jahreskongress trug das Label «glokal». Ein kurzer Blick in die Geschichte des Begriffs und dessen vielfältige Potenziale für die Museumswelt.

Von Geranien, Yoga und in die USA ausgewanderten Tessinerinnen und Tessinern war unter anderem die Rede am diesjährigen Jahreskongress des VMS und des ICOM Schweiz – all dies und vieles mehr liess sich unter dem Überthema des «Glokalen» vereinen. Man ahnt es: Mit dem Begriff öffnet sich ein breites Spektrum. Wie im Beitrag von Jacqueline Strauss (S.20) zu lesen ist, boten die Präsentationen grosser und kleiner Institutionen anregende Einblicke in Projekte, in denen das Globale und das Lokale ineinandergreifen. Doch was genau ist mit dem «Glokalen» gemeint? Wann und wie wurde der Begriff verwendet, und worin könnte sein Potenzial für die Schweizer Museumswelt heute liegen?

Zuerst einmal lenken das Adjektiv «glokal», das Substantiv «das Glokale» oder das die Prozesshaftigkeit betonende «Glokalisierung » unsere Aufmerksamkeit auf zwei Pole: auf die Gegensätze des Grossen, Globalen, Universalen und des Kleinen, Lokalen, Partikulären. Doch sind diese Gegensätze gar nicht so eindeutig. Denn der Begriff der Globalisierung, also der Prozess der zunehmenden weltumspannenden Verflechtung und seine Phänomene des Austauschs, Handels, der Diversifizierung und Vereinheitlichung, trägt diese beiden Pole bereits vereinend in sich. Das Lokale und das Globale waren bereits vor der Globalisierung – und seither erst recht – miteinander verflochten und bedingten einander.

Erste Recherchen im Netz zeichnen ein diffuses Bild: Da treffen auf Blogs selbsternannter «Veränderungsmanager» knackig formulierte Tipps wie «Die Glokalisierung einfach erklärt und wie Sie davon profitieren können» auf Definitionen wie die des «Oxford Dictionary of New Words», wo Glokalisierung schlicht als «The practice of conducting business according to both local and global considerations. » erklärt wird. Etwas weiter geht die Encyclopædia Britannica: «Glocalization, the simultaneous occurrence of both universalizing and particularizing tendencies in contemporary social, political, and economic systems» Doch auch die Definition, Glokalisierung als gleichzeitiges in Erscheinungtreten universalisierender und partikularisierender Tendenzen in heutigen sozialen, politischen und ökonomischen Systemen zu verstehen, so lässt sich kritisieren, unterschlägt die kulturelle Dimension des Begriffs. Denn das Lokale, das Globale und in erweitertem Sinne das Glokale treten auch in Diskursen zu Hybridisierung, kultureller Transformation, Nation oder Identität in Erscheinung. Ein kurzer Blick in die Begriffsgeschichte lohnt sich.

Vielfalt verkauft sich gut

Der Neologismus «Glokalisierung» wurde bereits in den 1980ern in ökonomischen Kontexten verwendet, Vorbild war der in Japan verbreitete Begriff «dochakuka»: Damit wurde ursprünglich die Anpassung von landwirtschaftlichen Techniken an lokale Umstände bezeichnet. Im japanischen Geschäftsleben etablierte er sich aber auch als Begriff für die Anpassung einer globalen Perspektive an lokale Umstände. Mit dem Kofferwort «Glokalisierung» wurde dieses Prinzip in westliche Sprachen übersetzt. Als Teil des internationalen Geschäftsjargons erhielt der Begriff dann in den frühen Neunzigerjahren eine spezifischere Bedeutung und schaffte es in den Marketingjargon. Werbefachleute bezeichneten damit das Zuschneiden globaler Güter und Dienstleistungen und deren Bewerben auf differenzierte, partikulare Märkte. «Mikro-Marketing» vom Feinsten: So wurden etwa bewährte TV-Spielshows oder Castingformate an unterschiedliche nationale Gegeben- und Eigenheiten angepasst, dasselbe galt für grössere Modeoder Restaurantketten.

Der britische Soziologe Ronald Robertson war es, der dem Begriff 1998 mit seinem Aufsatz «Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit» einen Platz in den Sozialwissenschaften einräumte und ihm zu weitreichenderer Bedeutung verhalf. Robertson plädierte dafür, das Lokale nicht als Gegenspieler des Globalen zu betrachten, sondern vielmehr als Aspekt von Globalisierung. «Fast überflüssig zu erwähnen, dass die Anpassung an lokale und andere spezielle Umstände in einer Welt kapitalistischer Produktion für zunehmend globale Märkte nicht einfach ein Fall unternehmerischer Reaktion auf existierende globale Vielfalt ist – auf kulturell, regional, gesellschaftlich, ethnisch, sexuell und anders differenzierte Verbraucher –, als gäbe es eine solche Vielfalt oder Heterogenität einfach ‹an sich›.» Damit hob er den Konstruktionscharakter des Begriffs hervor: «Mikro-Marketing – bzw allgemeiner ausgedrückt: Glokalisierung – beinhaltet in beträchtlichem Umfang die Konstruktion von zunehmend differenzierten Verbrauchern, die ‹Erfindung› von ‹Verbrauchertraditionen›. Um es einfach auszudrücken: Vielfalt verkauft sich gut.» Dies scheint auch heute noch so zu sein. Das Prinzip der Vielfalt ermöglicht lokal Verwurzelten, bei ihrer jeweiligen Kultur zu bleiben. Und: Nur mit dem Gegensatz lokal verwurzelter Menschen im Hinterkopf kann man sich als Kosmopolitin bezeichnen. Der Soziologe Robertson verstand Globalisierung nicht nur als Bedrohung des Lokalen, sondern als Motor, der in gewisser Hinsicht gar erst die Wiederherstellung von «Heimat» und «Lokalität» mit sich brachte – all dies drückte er mit dem Begriff des «Glokalen» aus.

Das Museum als «Welt-Raum»

Und was mag dies für die Museumswelt heissen? Ein «glokales Bewusstsein» oder eine «glokale Perspektive» ist heute für Ausstellungshäuser jeder Kategorie relevant, denn im Museum als einer Art «Welt-Raum» sind das Globale und das Lokale gleich in zweifacher Hinsicht verflochten: in Bezug auf die ausgestellten Objekte, Sammlungen und Archive und die damit verbundenen Erzählungen einerseits und in Bezug auf die Herkunft des Publikums und auf Fragen der Kommunikation andererseits. So mag in der einen, städtischen Institution ein Artefakt der Globalgeschichte oder ein Werk eines international bekannten Künstlers auf eine dem Museum benachbarten Schulklasse treffen, während in einem anderen, abgelegenen Museum in einem Bergtal lokale Handwerkstradition auf eine Besucherin aus Asien trifft. Eine «glokale Perspektive» könnte also heissen, einen (selbst-)kritischen Blick auf diese unterschiedlichen Kontexte zu werfen. Sich bewusst zu machen, aus welcher Warte man selber spricht, welche Mythen vielleicht unbewusst mit einem Objekt oder in einem Archiv eingeschrieben sind und transportiert werden. Und darüber hinaus könnte die Frage, welches Publikum mit welchen Ausstellungen angesprochen werden soll, selbstreflexiv verwoben werden mit Überlegungen zur eigenen Positionierung in Prozessen der Globalisierung und nicht zuletzt der Dekolonialisierung. Dies würde auch den Umgang mit den Sammlungen, Archiven und Repräsentationen betreffen sowie strukturelle Fragen der hiesigen Personal- und Kulturpolitik. Worauf gründen diese? Wer soll angesprochen werden? Und wer entscheidet über Themen, Umsetzungen und Finanzierung? Wie Jacqueline Strauss zur Eröffnung des Kongresses so schön gesagt hat: Im Nachdenken über das Wort «glokal» ergeben sich einige Überraschungen.

Eine «glokale Perspektive» könnte also heissen, einen (selbst-)kritischen Blick auf diese unterschiedlichen Kontexte zu werfen. Sich bewusst zu machen, aus welcher Warte man selber spricht, welche Mythen vielleicht unbewusst mit einem Objekt oder in einem Archiv eingeschrieben sind und transportiert werden. Und darüber hinaus könnte die Frage, welches Publikum mit welchen Ausstellungen angesprochen werden soll, selbstreflexiv verwoben werden mit Überlegungen zur eigenen Positionierung in Prozessen der Globalisierung und nicht zuletzt der Dekolonialisierung. Dies würde auch den Umgang mit den Sammlungen, Archiven und Repräsentationen betreffen sowie strukturelle Fragen der hiesigen Personal- und Kulturpolitik. Worauf gründen diese? Wer soll angesprochen werden? Und wer entscheidet über Themen, Umsetzungen und Finanzierung? Wie Jacqueline Strauss zur Eröffnung des Kongresses so schön gesagt hat: Im Nachdenken über das Wort «glokal» ergeben sich einige Überraschungen.

Katharina Flieger, Redakteurin Schweizer Museumszeitschrift