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museums.ch

09/2014

Laufe des 19. Jahrhunderts gegründet

wurden, aus wissenschaftlichen Lehr-

und Forschungsbetrieben entwickelt. In

Genf entstand um 1820 ein Museum als

Teil der Akademie, und die Universität

Basel gründete 1821 ein naturwissen-

schaftliches Museum. Diese Museen ver-

fügten nicht nur über eine Sammlungs-

abteilung, sondern ebenso über einen

Hörsaal, Laboratorien und eine Biblio-

thek. Es folgten die anderen heutigen

Universitätsstandorte Bern, Freiburg,

Lausanne, Luzern, Neuenburg und

Zürich, welche zum Teil vorhandene, oft

auch private wissenschaftliche Samm-

lungen in ihre Lehr- und Forschungsan-

stalten eingliederten. Erst gegen Ende

des 19. und zu Beginn des 20. Jahr-

hunderts wurden aus den universitären

Sammlungen eigenständige Museen,

wobei die Verbindung zwischen Lehre,

Forschung und musealer Sammlung

noch lange bestehen blieb. Auch heute

noch verfügen alle Universitäten über

eigene Museen, unterhalten Sammlun-

gen und betreiben Forschung auf Basis

von Sammlungen, entweder in einer

universitätseigenen Institution oder in

einem der zahlreichen Schweizer Muse-

en. Gleichzeitig greifen die Museen zur

Erarbeitung von Ausstellungen auf die

an den Universitäten durchgeführte For-

schung zurück, ohne die neue Erkennt-

nisse und neues Wissen nicht gefördert

und geschaffen werden könnten. Die

Spezialisierung und Professionalisierung

des Museumswesens und die steigenden

Anforderungen an wissenschaftliche

Forschung führten aber dazu, dass heute

das klassische Modell des Universitäts-

museums als Institution für Sammlung,

Lehre und Forschung vor einer doppel-

ten Herausforderung steht. Universitäts-

museen müssen hochwertige Lehre und

Forschung einerseits und ansprechende

Ausstellungen andererseits realisieren.

Die hohen Ansprüche und vielfältigen

Aufgaben können sie ohne Umstruktu-

rierungsmassnahmen allein kaum selber

bewältigen.

Hinter den Kulissen

Die Bedeutung von Objektsamm-

lungen für die Wissenschaft ist heute für

die Öffentlichkeit nur schwer nachvoll-

ziehbar. Nur ein kleiner Kreis von Spezi-

alistinnen und Spezialisten ist sich ihrer

Wichtigkeit bewusst. Denn die eigent-

liche wissenschaftliche Arbeit mit den

Objekten findet «hinter den Kulissen»

statt. Das Problem der Unsichtbarkeit

von Forschung und Sammlungen betrifft

Museen und Universitäten. Denn Muse-

en werden nicht primär als Institutionen

wahrgenommen, an denen geforscht

und Wissen geschaffen wird. Und weit-

gehend unbekannt ist auch, dass Uni-

versitäten ebenfalls über umfangreiche

Objektsammlungen verfügen. Knappe

Ressourcen, Verschiebungen von For-

schungsinteressen oder Veränderungen

von Betriebskonzepten von Museen

führten dazu, dass viele der Sammlun-

gen heute bedroht sind. Im Gegensatz

zum Museum sind die Objekte in den

Forschungsinstituten der Hochschulen

nur so lange von Bedeutung, wie sie

auch für die Forschung oder die Lehre

verwendet werden. Danach droht eine

Vernachlässigung der Sammlung. Auf-

bewahrung und Erhaltung von materi-

ellen Objekten, die Konservierung, ist

zudem keine Kernkompetenz der Uni-

versitätsinstitutionen. Auf der anderen

Seite sehen sich die Museen gezwungen,

gleichzeitig aktuell zu sein und darü-

ber hinaus auch ihre Eintrittszahlen

möglichst hoch zu halten. Die zu die-

sem Zweck notwendigen kostspieligen

und aufwendigen Sonderausstellungen

binden Ressourcen, welche wiederum

zur Pflege der Objekte oder für muse-

umseigene Forschungsprojekte fehlen.

Somit befinden sich die Objekte und

Sammlungen heute irgendwo zwischen

dem wissenschaftlichen Lehrstuhl an

der Universität und der Besucherbank

im Museum.