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museums.ch

09/2014

Bedeutung drastisch sinkt. Ein Grossteil

der Sammlungsstücke hat tatsächlich

kaum eine Chance, je ausgestellt zu wer-

den, und besitzt in erster Linie doku-

mentarischen oder vervollständigenden

Charakter. Kulturgüter werden mit oft

zweifelhaften Begründungen gehortet,

anstatt als Sammlungen bewirtschaftet

und genutzt.

Die Aufnahme eines Objekts in eine

Sammlung bedeutete meist, das Objekt

bedingungslos zu bewahren und nicht

mehr aus der Sammlung zu entlassen.

Vielfach ist diese Haltung nicht – wie

oft vorgeschoben – rechtlich begrün-

det.

2

Vielmehr ist sie dem Unvermögen

(oder dem Unwillen) Verantwortlicher

geschuldet, eine Sammlung aktiv zu be-

wirtschaften, Entscheide über den Ver-

bleib eines Objekts in der Sammlung zu

treffen und dadurch vertretbare Risiken

zugunsten der langfristigen Entwicklung

und Erhaltung der Gesamtsammlung

einzugehen. Die Maxime lautet: Lieber

alles aufbewahren, als das oft als per-

sönlich empfundene Risiko einer Fehl-

einschätzung beim «Entsammeln» eines

Objekts tragen zu müssen. Es ist unbe-

stritten, dass bei jedem Entsammlungs-

prozess ein gewisses Risiko der Fehl-

einschätzung besteht. Diese ist jedoch

verhältnismässig selten und ein Abgang

aus der Sammlung kaum schwerwiegend

im Sinne eines einschneidenden oder

existenzbedrohenden Verlusts für die

Institution. Selbst bei einem Fehlent-

scheid ist anzunehmen, dass man mit

der veränderten Ausgangslage durch-

aus leben kann, zumal ein unerkanntes

Objekt von begründbarer Qualität oder

Bedeutung über kurz oder lang erneut

seinen Weg in eine Sammlung oder ein

Museum finden wird. Die erhöhte Wert-

schätzung in einem anderen Kontext

kann sogar ein Glücksfall sein, wenn

dadurch die langfristige Erhaltung des

Objekts gesichert wird. Hingegen kann

ein in seiner Qualität oder Bedeutung

nicht erkanntes Objekt in einer Samm-

lung durch Vernachlässigung in seiner

langfristigen Erhaltung gefährdet sein.

Einen Sonderfall bilden Objekte

und Artefakte, die in grossen Mengen

vorhanden sind. Deren Entlassung aus

einer Sammlung und damit aus einem

gewissen Kontext kann zur Bedeutungs-

losigkeit, Marginalisierung oder gar

Entsorgung der Objekte führen. Als

Argument gegen eine Entsammlung

solcher Konvolute wird angeführt, dass

ein Artefakt oder Objekt noch nicht

seine gesamte Information preisgege-

ben hat und durch zukünftige verfein-

erte Methoden weitere Erkenntnisse zu

gewinnen sein könnten. Diese Haltung

führt dazu, dass der Anteil an unbear-

beitetem oder unausgewertetem Mate-

rial in den Depots stetig zunimmt und

die Aufarbeitung mit zunehmendem

Aufschub immer schwieriger wird. Es ist

nicht anzunehmen, dass diese Situation

sich in näherer Zukunft grundlegend

ändern wird. Die Masse muss daher

zugunsten des Gesamten auf ein trag-

bares, letztlich auch der Öffentlichkeit

begründbares Mass reduziert werden.

3

Mit zunehmenden Beständen ist dies

überlebensnotwendig, um langfristig

Ressourcen für die prioritären Aufgaben

und die relevanten Sammlungsbestände

verfügbar zu haben. Selbst der Verlust

eines Quäntchens an Information im

Detail mag den frühzeitigen Verlust des

Gesamten durch Vernachlässigung nicht

aufzuwiegen.

Ersticken am Bestand

Die heute weit verbreitete Risiko-

scheu im aktiven Umgang mit Samm-

lungen führt zu stetig weiter anschwel-

lenden Sammlungsbeständen und in

nicht allzu ferner Zukunft mutmasslich

zu dem, was man als «Ersticken am eige-

nen Bestand» bezeichnen könnte.

Zu viele Objekte schlummern in den

Archiven und Depots und entspre-

chen nur ungenügend einer schlüssigen

Sammlungsstrategie. Bei zunehmend

angespannter Finanzlage binden diese

Bestände wertvolle Ressourcen, die

letztlich nicht ausreichen, das Notwen-

digste für die nachhaltige Aufbewahrung