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museums.ch

09/2014

Die Entwicklungsgeschichte des Museumsdepots ist grundsätzlich eine Geschichte von

stetig wachsenden Sammlungen in immer voller werdenden Räumen. Der Bedarf

an «Raum» nimmt dabei kontinuierlich zu, nur dessen Ausformung und Begrenzung

verändern sich: Reichten in den vormusealen Sammlungen des 16. bis 18. Jahrhunderts

noch Laden und Schränke aus, um Kostbares zu bewahren, so ist das Museums-

depot heute zur eigenständigen Bauaufgabe geworden. Zur Institutionalisierung von

Depots, wie wir sie heute kennen, kam es gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Bis dahin

war es nicht üblich, die Sammlungen in Schau- und Depotsammlung zu gliedern. Zur

Trennung der Sammlungen führten ein veränderter Vermittlungsanspruch der Museen

und die zunehmende Platznot in den Schausammlungen. Anfangs des 20. Jahrhunderts

galt der schwierige Geburtsprozess des Museumsdepots als überwunden, weitere

Professionalisierungsschübe folgten in den beiden Weltkriegen durch die Anlage von

sogenannten Bergedepots. In den letzten Jahrzehnten dominierten die Optimierung

der Depotausstattung sowie Bau und Betrieb von Zentraldepots und Sammlungs-

zentren, die sich abseits der Museen als neue Handlungsräume etablieren.

Heute lagern rund 90 Prozent unserer Sammlungen in Museumsdepots. Die

Depots beherbergen langfristig das kostbarste Kapital eines Museums für künftige

Generationen. Doch seit wann werden Sammlungen «deponiert»? Wo und weshalb

entstanden die ersten Museumsdepots? Welche Faktoren waren für die Professiona-

lisierung bei Bau und Ausstattung von Bedeutung?

Vordenker und Wegbereiter

Seit gesammelt wird, muss auch verstaut und gelagert werden. Im Jahr 1565 ver-

öffentlichte Samuel Quiccheberg sein Traktat

Inscriptiones vel Tituli Theatri Amplissimi,

das erste Handbuch der Museumskunde im deutschen Sprachraum. Der Univer-

salgelehrte war am Münchner Hof mit der Kunstkammer von Herzog Albrecht V.

betraut. Zugunsten der bestmöglichen Ordnung und Pflege der Sammlung führt

Quiccheberg in seinem Traktat die Anlage von «Depots» als Notwendigkeit der

Museumspraxis an. Genauso wie heutige Sammler holte er sich Anregungen von

bereits auf dem Markt befindlichen Lagerungssystemen. Er empfiehlt die meist in

kleine Kompartimente gegliederten, stapelbaren

ledlein,

die von Apothekern oder

Steinschneidern verwendet wurden, oder das

seminarium,

ein Ordnungsmöbel

der Gärtner (Samenschrank), das in den beiden nachfolgenden Jahrhunderten zur

Standardausstattung in vielen Kunst-, Naturalien- und Raritätenkammern gehörte.

In den Quellenschriften und Abbildungen vormusealer Sammlungen wird deut-

lich, dass der Funktionalität der Aufbewahrungsmöbel besonderer Wert zugemessen

wurde. Das älteste überlieferte, eigenständige Ordnungsmöbel einer Sammlung ist

ein Giebelschrank von 1565 mit dreizehn Schubladen, der die Fossilien des deutschen

Zur Entwicklungsgeschichte des

Museumsdepots – Ein Überblick

L’évolution des réserves de musée –

un aperçu historique

Martina Griesser-

Stermscheg