Die Schweizer Museumszeitschrift

Museumszeitschrift Nr. 27: 60 Jahre VMS

Die Ausgabe 27 steht ganz im Zeichen des 60-Jahr-Jubiläums des VMS. 1966, in einer Zeit des Aufbruchs gegründet, steht der Verband nach wie vor für Toleranz und Offenheit, sozialen Zusammenhalt und demokratische Grundwerte. In einem Land, das für seine hohe Museumsdichte bekannt ist, vertritt er heute rund 850 Mitglieder. Eine Zahl, auf die wir stolz sind. In dieser Museumszeitschrift schlagen wir einen Bogen von der Verbandsgründung bis zu aktuellen Debatten in der Schweizer Museumspolitik. Museen und ihre Mitarbeitenden operieren von jeher an der Schnittstelle zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Vertreter:innen von drei Generationen diskutieren über die Rolle von Museen in der Gesellschaft, Veränderungen im Arbeitsalltag und künftige Herausforderungen. Der «Blick über die Grenze» widmet sich diesmal der überinstitutionellen Zusammenarbeit. Museen vereint mehr, als sie trennt.

Museumszeitschrift Nr. 27: 60 Jahre VMS

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Die Schweizer Museumszeitschrift ist das Magazin für die Mitglieder von VMS und ICOM Schweiz. Sie informiert über die Aktivitäten der Verbände und die aktuelle Kulturpolitik, stellt ausgewählte Fachliteratur vor und wirft in Bildstrecken einen Blick hinter die Kulissen der Museen in der Schweiz. Die Zeitschrift erscheint zweimal jährlich in einer mehrsprachigen Ausgabe. Die wichtigsten Artikel sind in ihren Übersetzungen auf museums.ch verfügbar.

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Im Gespräch: «Wir sind in einer Zeit immenser Umbrüche»

Wie haben sich die Arbeitsbedingungen, die Herausforderungen des Alltags, aber auch die Rolle und die Aufgaben des Museums über die Jahrzehnte gewandelt? Und wie werden sie sich in den nächsten Jahren wohl noch verändern? Diesen Fragen gehen wir nach und werfen im Drei-Generationen-Interview einen Blick in die Vergangenheit, auf die Gegenwart und in die Zukunft der Arbeit im Museumssektor.

Mit:
Bernard A. Schüle, 37 Jahre lang Kurator und Leiter des Objektzentrums im Schweizerischen Nationalmuseum, VMS-Präsident von 1999 bis 2008, mittlerweile im Ruhestand, Jahrgang 1955

Andrea Kauer Loens, seit 2017 im VMS-Vorstand, aktuell VMS-Vizepräsidentin

und Direktorin des Liechtensteiner Landesmuseums, Jahrgang 1976

Anthony Wyer, Fachmann für Information und Dokumentation im Museum für Kommunikation, Bern, Jahrgang 2000

Bernard, du hast Ethnologie studiert und dich damit als Kurator im damaligen Landesmuseum beworben. Heute gibt es alle möglichen beruflichen Hintergründe, die ins Museum führen können. Das hat sich vermutlich etwas verändert im Vergleich zu deinen Anfängen …

Schüle: Das hat sich deutlich verändert. Ich habe das im Lauf meiner Zeit erlebt, denn ich war mindestens 30 Jahre lang bei Museologie- Ausbildungen in der Schweiz als Dozent dabei. Die Studierenden erhalten dort ein Diplom, das ich selbst gar nicht habe. Wir kamen damals einfach von der Uni und waren im Grunde genommen nur Theoretiker.

Ist der Zugang zum Museum dadurch heute eher leichter oder schwerer?

Schüle: Ich denke, schwerer, denn die Anforderungen sind natürlich gewaltig gewachsen.

Anthony, als Vertreter der jungen Generation: Ist es schwer, heutzutage in der Museumsbranche zu starten?

Wyer: Ich gehöre einer Berufsgruppe an, die relativ neu im Museum ist. Da ist es tatsächlich nicht einfach, denn es gibt nicht so viele Stellen, aber ich bin zuversichtlich, dass es immer mehr geben wird.

Nimm uns doch mal mit. Was genau machst du, und was fasziniert dich daran?

Wyer: Fachleute für Information und Dokumentation arbeiten eigentlich meist in Archiven und Bibliotheken. Es ist recht neu, dass man diesen Beruf auch in der Museumswelt schätzt. Und was ich konkret mache: Wir haben im Museum eine Unmenge an Fotografien, die alle Metadaten enthalten. Also beispielsweise Informationen über den gezeigten Ort, die abgebildeten Personen, das Datum der Aufnahme, den Kontext oder auch den Fotografen oder die Fotografin. Diese Daten versuche ich zu strukturieren, das heisst, ich bringe zusammen, was zusammengehört, und trenne, was nicht zusammengehört. Ich mag dieses Pflegen der Daten, diese Ordnung. Und Museen sind wunderschöne Orte zum Arbeiten.

Andrea, als Direktorin hast du natürlich auch Personalverantwortung und bekommst mit, wie sich die beruflichen Hintergründe ändern.

Kauer Loens: Es hat schon eine ausgeprägte Professionalisierung stattgefunden in den letzten Jahren. Früher gab es noch nicht so viele spezifische Ausbildungsangebote, und man hat das dann so ein bisschen on the job gelernt. Das braucht es nach wie vor. Aber ich beobachte, dass die Leute heute schon bei der Bewerbung enorm qualifiziert sind und teilweise von weit her kommen. Das spricht dafür, dass es weiterhin nicht einfach ist, etwas zu finden.

Und woran liegt das?

Kauer Loens: Es gibt nicht viele Stellen. Ich kenne das selber auch. Da muss man dann bereit sein, vielleicht den Radius etwas weiter zu stecken oder den Wohnort zu wechseln. Ich habe aber vor 15 Jahren noch nicht so viele hochqualifizierte Bewerbungen aus dem Ausland erhalten. Und daran meine ich zu erkennen, dass sich vielleicht die Situation noch etwas zugespitzt hat.

Schüle: Ich denke, man sollte flexibel und offen sein und auch sagen: Okay, das hätte ich gerne gemacht, aber das interessiert mich eigentlich auch. Ich gehe mal in diese Richtung. 

Kauer Loens: Und wir sprechen nicht nur über akademische Berufe. Museen sind ganz interdisziplinäre Betriebe, und das macht es ja so spannend. Wir haben bei uns Leute mit handwerklicher Ausbildung, die den Weg ins Museum gefunden haben, und solche, die aus der Hotellerie kommen. Was uns verbindet, ist die Freude am Museum.

Bleiben wir noch kurz bei neuen Berufsfeldern. Die Digitalisierung schafft nicht nur neue Jobs, sondern betrifft auch die bestehenden Strukturen. Wie ist die Branche hier aufgestellt, und wo gibt es noch Handlungsbedarf?

Kauer Loens: Wir sind in einer Zeit immenser Umbrüche. Vor einigen Jahren bedeutete Digitalisierung noch, dass wir eine Datenbank bekamen anstelle eines Zettelkatalogs, um unsere Objekte zu erfassen. Heute ist das gesamte Arbeitsfeld durchdrungen von Digitalisierung. Wenn ich etwa an den Bereich KI denke, sind wir alle noch Anfänger. Da sind wir gerade erst dabei zu lernen, welches Potenzial darin steckt oder wo die Grenzen liegen. 

Wyer: KI entwickelt sich so rasant. Jeden Monat gibt es etwas Neues. Da kann man fast nur an einem Punkt sein, an dem man lernt. 

Schüle: KI birgt aber auch Gefahren für die Museumswelt. Man muss wirklich am Ball bleiben, um weiterhin in der Lage zu sein, etwas zu zeigen, einen Reiz auf das Publikum auszuüben in einer Zeit, in der die Menschen ohnehin alles über KI abfragen können.

Die Handlungsfelder werden also immer grösser. Neben der Digitalisierung spielt auch das Thema Nachhaltigkeit inzwischen eine grosse Rolle. Dazu kommen soziale Fragen wie Inklusion, Barrierefreiheit und manches mehr. Andrea, wie erlebst du diese Entwicklungen?

Kauer Loens: Ich erlebe das als grosse Bereicherung. Wie Bernard sagte: Das Museum muss relevant bleiben, und ich denke, dass da eine riesige Chance liegt. Ich finde, das macht auch unsere Arbeit spannender und vielseitiger, und es hinterfragt die hergebrachten Rollen.

Man könnte es auch so sehen: Die Ansprüche an die Museen steigen, während die finanziellen und personellen Mittel nicht unbedingt immer Schritt halten, insbesondere in kleineren Museen.

Kauer Loens: Richtig, und das ist tatsächlich eine grosse Herausforderung. Da gehen wir nicht unbedingt auf einfachere Zeiten zu. Ich finde aber, dass ich gerade von den kleinen Museen ganz viel lernen kann, weil sie stärker gezwungen sind, ihre Ressourcen gut einzuteilen. Daraus entstehen sehr kreative Ideen.

Anthony, wie nimmst du diesen Druck wahr? Direktorinnen und Direktoren haben natürlich die Verantwortung für ihre Häuser, aber deine Generation wiederum hat noch verhältnismässig viele Arbeitsjahre vor sich. Machst du dir darüber auch Gedanken?

Wyer: Ja, natürlich. All diese Themen betreffen ja nicht nur die Museumswelt, sondern bewegen die Gesellschaft als Ganzes – und sicherlich auch die jungen Leute. Im Museum für Kommunikation ist das alles ein Thema. Sei es Nachhaltigkeit, Partizipation, oder seien es rassismuskritische Narrative – auch ein Projekt, das bei uns im Museum läuft. Da passiert viel, und es ist auch wichtig, dass es passiert. Aber natürlich: Es schafft Druck, und es fordert Ressourcen ein, die vielleicht ohnehin schon knapp sind.

Bernard, als du deine berufliche Laufbahn gestartet hast, hat man sich damals die Frage nach der Rolle eines Museums in der Gesellschaft überhaupt gestellt?

Schüle: Nein, man hat sich generell recht wenig Fragen gestellt, muss ich heute sagen. Man hat ein Thema gewählt für eine Ausstellung, weil die Kuratorin oder der Kurator an diesem Thema Freude hatte. Und dann hat man diese Ausstellung gemacht und gehofft, dass das Publikum auch Freude daran hat. Wir haben uns auch nicht gross gefragt, für welches Publikum wir arbeiten. Nachträglich muss ich sagen: Wir waren hier im Landesmuseum teilweise viel zu wissenschaftlich und haben Ausstellungen gemacht von Kuratoren für Kuratoren. Heute wird das Publikum befragt, und Besucherzahlen werden analysiert.

Und das ist gut so?

Schüle: Auf jeden Fall.

Anthony, für wen ist das Museum heute?

Wyer: Ich denke, das Museum ist heute für alle. Das wäre zumindest das Ziel. Ob es das schon überall ist, ist eine andere Frage.

Andrea, ist das Museum für alle? Und wie können wir dieses Ziel erreichen?

Kauer Loens: Ja, natürlich. Aber wir erreichen natürlich nicht alle Zielgruppen gleich, und vielleicht werden wir das auch nie. Deshalb ist es mein Anspruch, dass wir gerade dorthin schauen, wo wir eben noch nicht gut sind. Also noch viel spannender und aufschlussreicher als die Befragung von Besuchenden ist die Befragung von Nicht-Besuchenden. Wie können wir zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund stärker einbinden, wie erreichen wir junge Erwachsene besser? Wie werden wir inklusiver, barrierefreier? Das sind für uns wichtige Fragen im Moment, und da haben wir schon noch Luft nach oben.

Apropos Zukunft: Nachdem wir nun viel über Vergangenheit und Gegenwart gesprochen haben, lasst uns noch einen Blick in die Zukunft wagen. Die letzten Jahre waren geprägt von einer Art exponentiellem Wachstum in Bezug auf gesellschaftliche Veränderungen, Themen- und Handlungsfelder im Museum. Was erwartet ihr von den kommenden Jahren? Wie wird es weitergehen?

Wyer: Ich denke nicht, dass es weniger schnell vorwärtsgehen wird. Wir haben darüber gesprochen: Allein im Bereich KI passiert jeden Monat etwas Neues, und das wird sicher eine aufwühlende Sache werden in der Museumslandschaft, wie in der ganzen Gesellschaft. Es wird neue Fachkräfte brauchen, es wird neue Skills brauchen, neues Wissen – und, ja, es wird wahrscheinlich viel kosten, das aufzubauen. Hier ist es wichtig, dass man zwischen den Museen Synergien schaffen und zusammenarbeiten kann.

Freust du dich darauf, oder blickst du mit Sorge auf diese Entwicklung?

Wyer: Beides. Es ist sicherlich ein bisschen Angst: Wie sieht die Zukunft aus? Gibt es dort einen Platz für mich? Gibt es da einen Platz für die Leute, mit denen ich zusammenarbeite? Wie sieht das Museum von morgen aus? Das sind Fragen, die wir nicht abschliessend beantworten können. Aber ich denke, es kann auch sehr viel Gutes bringen.

Kauer Loens: Gerade in dieser Zeit der schnellen Entwicklung und der immer wieder aufkommenden Frage nach der Qualität von Informationen haben die Museen einiges zu bieten, und ich hoffe, dass diese Basis nicht aus dem Blick gerät: unsere Sammlungen, unsere Forschungsarbeit, aber auch unsere Kompetenzen, beispielsweise als ausserschulische Lernorte. Dem sollten wir unbedingt Sorge tragen.

Schüle: Museen haben etwas Handfestes, und das unterscheidet sie von dem rein Digitalen. Ich hoffe, dass die Gesellschaft das Interesse daran nicht verliert. Da haben die Museen noch eine Rolle zu spielen, aber sie müssen sich verteidigen.

Moderation: Timo Landenberger

Verhandlungssache Kultur

Als der Verband der Museen der Schweiz 1966 gegründet wurde, galt Kultur in der Schweiz überwiegend als Privatsache. Der VMS füllte in dieser Zeit eine wichtige Lücke und setzt sich seither entschieden für die Interessen der Branche ein. Dennoch befinden sich Museen heute erneut im Spannungsfeld zwischen Kulturauftrag und Sparpolitik. Ein Rückblick auf das Auf und Ab der Schweizer Kulturpolitik.

Die Nachricht sorgte 2025 für Unruhe in der Museumsbranche: Mit einem Bündel von Sparmassnahmen soll das Bundesbudget ab 2027 entlastet werden. Im Rahmen dieses Entlastungspakets 27 wurde auch beschlossen, die Kulturausgaben bis 2030 einzufrieren. Die Situation gleicht einem Déjà-vu. Denn wer die Geschichte der schweizerischen Kulturpolitik kennt, weiss: Die Bewahrer des mobilen Kulturerbes mussten ihre Legitimität gegenüber dem Staat schon öfter neu beweisen.

«Über all die Jahre kämpfte der Verband darum, in der Politik gesehen und gehört zu werden – als demokratiefördernder und gesellschaftsrelevanter Gesprächspartner», sagt Carole Haensler, Präsidentin des Verbands der Museen der Schweiz (VMS). «Wir haben die kulturpolitischen Entscheidungen oft als Folge einer kurzfristigen Denkweise wahrgenommen. Fakt aber ist, dass wir aufgrund solider Informationen belegen können, wie relevant der Kultursektor respektive die Museen für die Schweiz und die Bevölkerung sind, dass wir standortfördernd sind, den Dialog fördern – und dass wir mit über 15 Millionen Eintritten jährlich sehr viele Menschen glücklich machen.»

Der VMS hat deshalb Stellung zum Entlastungspaket bezogen. Museen, so die Botschaft des Verbands, seien keine Luxus-Institutionen. «Sie sind ein Konzentrat von Wissen und Erfahrung und tragen die Verantwortung, das mobile Kulturerbe zu bewahren», so Haensler. Dank der Museen seien die Gesellschaft und die Politik in der Lage, Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen und dieses Wissen auf die Zukunft zu projizieren. «Sie sind unverzichtbare Akteure des sozialen Zusammenhalts und geniessen in der Bevölkerung hinter Familie und Freunden das meiste Vertrauen.»

Doch die Spannung zwischen staatlichem Sparwillen und kulturpolitischer Verantwortung ist so alt wie die Schweizer Kulturpolitik selbst. Um zu verstehen, was heute auf dem Spiel steht, lohnt sich der Blick zurück.

«Kultur ist Privatsache» – das Dogma der Nachkriegsjahre

Als der VMS am 5. November 1966 als Zusammenschluss von 78 Schweizer Museen gegründet wurde, herrschte in Bundesbern eine klare Haltung vor: Bis in die frühen 1970er-Jahre war man der Meinung, Kultur sei Privatsache. Zwar förderten Gemeinden, Kantone und der Bund kulturelles Schaffen punktuell, doch eine kohärente Kulturpolitik war weder vorhanden noch gewollt. Der langjährige EDI-Vorsteher Philipp Etter hatte diese Haltung 1954 auf den Punkt gebracht: «Nicht der Staat ist der primäre Träger dessen, was wir Kultur nennen. Der Begriff der Staatskultur ist uns Schweizern fern.»

Die Gründung des VMS fiel in eine Zeit, in der diese Gewissheit aber bereits zu bröckeln begann: Mehr als 90 Prozent der heutigen Schweizer Museen entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg, und insbesondere ab den 1960er-Jahren entfaltete sich mit der Wirtschaftsblüte auch in der Museumswelt ein enormer Wachstums- und Wandlungsschub.

Mit diesen Entwicklungen trat eine Art Wende in der Schweizer Kulturpolitik ein. Die bundesfinanzierte, aber unabhängige Pro Helvetia – 1939 als Arbeitsgemeinschaft zur «geistigen Landesverteidigung» gegen NS-Deutschland und das faschistische Italien vom Bundesrat ins Leben gerufen – wurde in dieser Zeit zu einer treibenden Kraft des kulturellen Austauschs. Die Museen operierten allerdings weiterhin in einem weitgehend unregulierten Raum.

Der Bund hatte zwar bereits 1890 das Schweizerische Landesmuseum gegründet, aber eine systematische Berücksichtigung der mehreren hundert nicht bundeseigenen Häuser blieb aus. 

Der VMS schloss in dieser Phase des Museumsbooms eine wichtige Lücke: Er gab der Branche eine Stimme, schuf Netzwerke und setzte erste Qualitätsstandards.

Das Schlüsseldokument der frühen Kulturpolitik-Debatte entstand 1975: der sogenannte Clottu-Bericht, benannt nach dem liberalen Nationalrat Gaston Clottu. Auch für die Museen war der 500-seitige Bericht bedeutsam, war er doch ein offenes Plädoyer für eine aktivere Kulturpolitik des Bundes und ein stärkeres Engagement in der Kulturvermittlung und -bewahrung, inklusive eines entsprechenden Artikels in der Verfassung.

Die unmittelbare Wirkung blieb indes bescheiden. Zwar wurde 1975 das Bundesamt für Kultur im EDI administrativ geschaffen und das Budget der Pro Helvetia – immer noch der einzige nationale kulturpolitische Akteur – erhöht. Der VMS und seine Mitgliedsinstitutionen mussten aber noch warten, bis sich die Erkenntnisse des Clottu-Berichts in einer kohärenten Gesetzgebung niederschlugen.

Scheitern und Chancen: die langen 1980er- und 1990er-Jahre

Die Schweizer Kulturpolitik der 1980er- und 1990er-Jahre gleicht einer Geschichte der knapp verpassten Chancen. 1980 brachte die «Eidgenössische Kulturinitiative» neues Leben in die kulturpolitische Debatte. Die Initiative forderte, ein Prozent der Bundesausgaben für kulturelle Zwecke zu reservieren, wurde jedoch 1986 in der Volksabstimmung abgelehnt. Ein neuer Anlauf 1994 scheiterte trotz rund 51 Prozent Ja-Stimmen am verfehlten Ständemehr.

Hinzu kamen Provokationen wie der Spruch «La Suisse n’existe pas» im offiziellen Schweizer Pavillon an der Weltausstellung in Sevilla 1992. Diese Entwicklungen zeigten, dass Kultur ein politisch aufgeladenes Feld geworden war. Die Museen profitierten davon indirekt: Das dadurch gestiegene gesellschaftliche Interesse an Kulturinstitutionen stärkte auch ihre Position.

Ein wichtiges Signal war die Gründung des Schweizer Museumspasses im Jahr 1996 – ein Projekt, das der Verband gemeinsam mit dem Bundesamt für Kultur und Schweiz Tourismus lancierte. Heute gehören über 500 Museen der Passfamilie an, und 2025 wurden mit dem Museumspass erstmals mehr als 1,5 Millionen Eintritte generiert. «Seit 30 Jahren öffnet der Museumspass Türen und lädt so immer mehr Menschen ein, die kulturelle Vielfalt der Schweiz zu erfahren», sagte Kulturministerin Elisabeth Baume-Schneider bei den Feierlichkeiten zum Museumspass-Jubiläum.

1999 und 2012: die institutionellen Meilensteine

Die Totalrevision der Bundesverfassung von 1999 brachte den lang ersehnten Durchbruch: Ein neuer Artikel hielt fest, dass die Kantone zwar primär für die Kultur zuständig bleiben, der Bund aber kulturelle Bestrebungen von gesamtschweizerischem Interesse unterstützen kann. Für die Museen bedeutete dies: Ihre Förderung war nun nicht mehr eine Frage des politischen Wohlwollens, sondern eine Aufgabe mit verfassungsrechtlicher Grundlage. 

Der zweite grosse Meilenstein folgte 2009: Das Parlament verabschiedete das erste Kulturförderungsgesetz (KFG) der Schweiz. Neu war eine mehrjährige «Botschaft zur Finanzierung der Kulturförderung des Bundes» (Kulturbotschaft) vorgesehen, die die Kulturpolitik des Bundes und die zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel periodisch festlegen sollte. Das Gesetz trat am 1. Januar 2012 in Kraft und schuf das bis heute geltende Grundgerüst der Bundeskulturpolitik.

Für die Museen entscheidend: Das KFG ermöglichte es dem Bundesamt für Kultur fortan, Museen, Sammlungen und Netzwerke Dritter finanziell zu unterstützen. Zu Letzteren gehört auch der VMS. Gleichzeitig blieben Kantone, Gemeinden und Städte in der Ausgestaltung ihrer Kulturpolitik gegenüber dem Bund autonom. 

Der neue, jährliche Förderbeitrag ab 2014 versetzte den VMS nicht nur finanziell in eine stabilere Lage. Auch wurde der Verband damit offiziell als Institution gewürdigt, die sich für die Interessen aller Schweizer Museen einsetzt.

Die Kulturbotschaft als neues Steuerungsinstrument

Die zweite Kulturbotschaft brachte als Steuerungsinstrument eine weitere wichtige Neuerung: Museen und Sammlungen können mit Finanzhilfen bei der Provenienzforschung unterstützt werden. «Der Bund leistet so einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Herkunft von Kunstwerken in den Schweizer Museen und Sammlungen», hiess es in einer Mitteilung des BAK vom Januar 2016. Laut dieser waren in der Förderperiode 2016–2020 zwei Millionen Franken für die Provenienzforschung vorgesehen. Diese Massnahme, eine Folge der 1998 von der Schweiz ratifizierten Washingtoner Richtlinien, berührte die Museen an einem heiklen Punkt ihrer Geschichte und machte die Auseinandersetzung mit dem eigenen Erbe zur institutionellen Aufgabe. 2023 beschloss der Bundesrat, eine nationale Kommission für historisch belastetes Kulturerbe einzurichten, die im Frühjahr 2026 ihre Arbeit aufnahm.

Für die Museen entstand ein zunehmend komplexes Anforderungsprofil: Provenienzforschung, Dekolonialisierung der Sammlungen, digitale und gesellschaftliche Transformation, Barrierefreiheit, Inklusion und ökologische Nachhaltigkeit – die Ansprüche an die Häuser wuchsen.

Nicht zuletzt deshalb wurden für die Konzipierung der Kulturbotschaft 2025–2028 neben dem Bund erstmals auch andere Akteure der Kulturförderung – Kantone, Städte und Gemeinden sowie Kulturverbände – miteinbezogen. Auf der Grundlage dieser breiten Analyse wurden sechs konkrete Handlungsfelder definiert: Kultur als Arbeitswelt, Aktualisierung der Kulturförderung, digitale Transformation, Kultur als Dimension der Nachhaltigkeit, Kulturerbe als lebendiges Gedächtnis sowie Gouvernanz im Kulturbereich.

Der VMS und ICOM Schweiz engagierten sich intensiv in diesem Prozess: Sie konsolidierten ihre Mitglieder, verfassten gemeinsame Stellungnahmen und brachten sich bei Anhörungen im Parlament ein. National- und Ständerat einigten sich schliesslich in der Herbstsession 2024 auf eine Fördersumme von rund 987 Millionen Franken. Doch kaum war die Kulturbotschaft verabschiedet, kamen mit dem Entlastungspaket finanzielle Restriktionen.

Die Frage, inwieweit und wie ausgeprägt Kultur und spezifisch der Museumssektor Bundessache sei, wird also auch nach 60 Jahren VMS noch immer intensiv diskutiert. 

Doch es gibt eine starke Branche, die diese Frage mit fundierten Argumenten, belastbaren Daten und jahrzehntelanger Erfahrung im kulturpolitischen Betrieb mitgestalten kann. Der Verband der Museen der Schweiz vertritt heute rund 850 Museen, und er wird sich weiter dafür einsetzen, dass seine Mitglieder in dieser Debatte nicht nur Objekte der Politik sind, sondern ihre Akteure.

Autor: Timo Landenberger

In Vielfalt vereint: warum sich überinstitutionelle Zusammenarbeit lohnt

Von regionalen Zusammenschlüssen bis hin zu internationalen Kongressen: Die Kooperation im Museumssektor hat in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen trugen dazu bei, Einzelkämpfertum zu überwinden und die Gemeinschaft zu stärken. Die Vielfalt der Schweizer Museen ist dafür kein Hindernis.

Ein kleines Ortsmuseum, das mit einer Teilzeitstelle und viel ehrenamtlichem Engagement seinen Betrieb aufrechterhält. Das Kunsthaus Zürich mit rund 200 Mitarbeitenden und mehr als einer halben Million Besuchenden im Jahr. Das Naturhistorische Museum Bern mit seinen wissenschaftlichen Sammlungen. Das Musée d’ethnographie de Genève, das sich mit der Vielfalt menschlicher Kulturen auseinandersetzt und über Dekolonialisierung diskutiert. Was sollen diese Institutionen gemeinsam haben?

«Uns vereint mehr, als uns trennt», sagt Myriam Stucki, Geschäftsführerin des Verbands der Museen der Schweiz (VMS) und von ICOM Schweiz. Mit über 1000 Häusern verfügt die Schweiz über die höchste Museumsdichte der Welt. Fast alle werden vom VMS vertreten. Die grosse Bandbreite ist Stärke und Herausforderung zugleich. «Was uns vereint, ist nicht die Grösse der Häuser oder die Art ihrer Sammlungen», sagt Stucki. «Es ist die Überzeugung, dass Museen gesellschaftlich relevant sind und dass wir diese Relevanz sichtbar machen und stärken können.»

Zusammenarbeit auf regionaler Ebene

Aus dieser Überzeugung heraus haben sich in der Schweiz neben dem nationalen Verband auch zahlreiche Regionalverbände etabliert, die eine wichtige Mittlerfunktion übernehmen. Sie sind nah genug an den einzelnen Häusern, um konkrete Probleme zu kennen – und gross genug, um kollektiv Gehör zu finden.

«Ein gemeinsames Auftreten gegenüber allen Interessengruppen ist für Museen zentral geworden», sagt Patricia Alder, Gründerin und Präsidentin von muse-um-zürich. Vor 20 Jahren wurde der Regionalverband im Kanton Zürich mit 34 Museen ins Leben gerufen. Seither ist die Mitgliederzahl auf über 120 angewachsen. «Für unsere Mitglieder geht es viel um Sichtbarkeit», sagt Alder. Vom Lobbying über Marketing bis hin zu gemeinsamen Programmen.

So soll beispielsweise die jährliche Konzertreihe «Klingende Museen» kulturaffines Publikum aus verschiedenen Sektoren zusammenbringen. Die teilnehmenden Museen können neue Besuchergruppen erschliessen und regionalen Musiker:innen eine Plattform bieten. Ein erfolgreiches Beispiel, wie nicht nur überinstitutionelle, sondern auch sektorübergreifende Zusammenarbeit gelingen kann.

«Einzelkämpfertum funktioniert längst nicht mehr», sagt Patricia Alder. Immer mehr Museen hätten erkannt, dass sie nicht nur um Aufmerksamkeit, Besuchende und Fördergelder konkurrierten, sondern vor allem Teil eines gemeinsamen Ökosystems seien.

«Ich nehme Museen ohnehin nicht als Konkurrenten wahr», so Alder weiter. Vielmehr fungiere die Zusammenarbeit innerhalb des Regionalverbands häufig als Türöffner. «Oft besuchen die Menschen ein Museum und stellen dank des gemeinsamen Marketings oder beim Blick in unseren Flyer fest, dass es noch einige weitere gibt, die sie ebenfalls interessieren.»

Nicht zuletzt aufgrund solcher Synergieeffekte fördert muse-um-zürich die Kooperation zwischen Museen auch ganz konkret mit einem speziellen Fonds. Daneben bietet der Regionalverband regelmässig Weiterbildungen an und organisiert Mitgliederversammlungen. Schliesslich werde neben der Sichtbarkeit nach aussen auch der Austausch untereinander immer wichtiger, nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Veränderungsprozesse.

Gesellschaftlicher Wandel, Digitalisierung, Klimakrise, geopolitische Spannungen und wirtschaftliche Unsicherheiten: «Am Ende stehen wir alle vor ähnlichen Herausforderungen. Wenn wir uns vernetzen, können wir voneinander lernen. Wir müssen nicht alle das Rad neu erfinden», so Patricia Alder.

Das Museumsquartier Bern

Besonders eng vernetzt sind die elf Institutionen im Museumsquartier Bern (mqb). Der junge Verein wurde erst 2021 gegründet. In einer vierjährigen Aufbauphase entwickelten die teilnehmenden Häuser und ihre Mitarbeitenden erste gemeinsame Projekte und Arbeitsweisen, schufen eine Dachmarke und damit die Basis für die eigentliche Zusammenarbeit: So verfügt das Museumsquartier mittlerweile unter anderem über ein gemeinsames Ticketing, Angebote für Familien, Schulklassen und andere Gruppen, Gastronomie, ein gemeinsames Veranstaltungsprogramm und eine Gartenanlage.

Das ging nicht von heute auf morgen. «Zusammenarbeit braucht Entwicklungszeit», sagt Michèle Zweifel, die als ehemalige mqb-Geschäftsführerin den Aufbauprozess begleitete. «Oft müssen Strukturen und Formate gemeinsam neu geschaffen werden. Das erfordert von allen Beteiligten Geduld, Engagement und Wohlwollen.» Im Museumsquartier Bern habe sich ein stufenweises Vorgehen bewährt: «Mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner starten, Erfahrungen sammeln und dann darauf aufbauen.» Dabei gehe es weniger darum, bei Kooperationen möglichst alles zu vereinheitlichen, als vielmehr darum, die Vielfalt zu nutzen und für das Publikum erlebbar zu machen.

Auch intern müsse Unterschieden Rechnung getragen werden, erklärt Beat Hächler, Direktor des Alpinen Museums der Schweiz (ALPS) und Vorstandsvorsitzender des Museumsquartiers Bern. «Jedes Haus hat schliesslich seine eigene Geschichte, eine eigene Art, wie es sich organisiert, und viele Museen sind an unterschiedliche Leistungsvereinbarungen gebunden», sagt Hächler.

«Eigentlich gibt es hundert Gründe, eine Kooperation nicht einzugehen.» Dass es sich trotzdem lohnt, zeigen Erfolgsbeispiele wie eben das Museumsquartier Bern. «Wir haben die Chance, mit dem gleichen Ressourceneinsatz einen echten Mehrwert für alle Beteiligten zu schaffen.» Wichtig sei dafür neben der Öffnung innerhalb der Institutionen auch eine Öffnung gegenüber Einflüssen von aussen.

Museum als Forum, nicht als Tempel

«Die Vorstellung, dass ein Museum nur der Sender ist und die Gesellschaft der Empfänger, ist definitiv überholt», sagt Hächler. Der ALPS-Direktor ist ausserdem Präsident der International Mountain Museums Alliance und Jurymitglied für die Vergabe des renommierten European Museum of the Year Award (EMYA). Für Hächler ist der Blick über den eigenen Tellerrand immanenter Bestandteil der Arbeit in der Museumsbranche.

«Ich sehe Museen als Plattform, als gesellschaftlichen Raum», sagt er. «Und wer gesellschaftliche Themen abbildet, braucht dafür natürlich die Gesellschaft, und dazu gehört, andere Sichtweisen und neue Fragestellungen miteinzubeziehen und zuzulassen.»

Das Thema sei nicht gänzlich neu. Spätestens ab den 1970er-Jahren sei der elitäre Charakter von Museen als Ort für privilegierte und hochgebildete Menschen in Frage gestellt worden. Museen sollten nicht länger als Tempel, sondern als Forum für alle gelten. Dieser Diskurs um die Demokratisierung der Institutionen, um Partizipation und Inklusion sei zwar zu einem gewissen Grad selbstverständlich geworden. «Er wird aber nach wie vor geführt, und das zu Recht, denn wir sind noch lange nicht am Ziel», so Hächler.

NEMO: offen für Veränderung

Nicht zuletzt deshalb wird der überinstitutionelle Austausch auch vom Network of European Museum Organisations (NEMO) systematisch ermöglicht und gefördert. Schliesslich würden viele der Herausforderungen nicht an nationalen Grenzen haltmachen, sondern Museen in Europa oft überraschend ähnlich treffen, erklärt die NEMO-Generalsekretärin Julia Pagel.

«Lange Zeit bedeutete internationale Zusammenarbeit vor allem Ausstellungskooperationen und Leihverkehr über Grenzen hinweg. Heute ist sie deutlich strategischer geworden. Museen werden zunehmend als gesellschaftliche Akteure wahrgenommen – als Orte, die Debatten ermöglichen, Orientierung geben und Verantwortung übernehmen», so Pagel. Besonders hoch sei der Bedarf in Krisenzeiten. «Zum Beispiel während der Covid-19-Pandemie, während der Energiekrise und momentan, in Zeiten des verstärkten politischen Drucks.»

Der Mehrwert entstehe dabei weniger durch Vereinheitlichung als «durch Kooperation – durch gemeinsame Standards, geteiltes Wissen und gegenseitige Unterstützung». Wichtig sei, dass europäische Zusammenarbeit nicht nur den grossen, gut ausgestatteten Häusern zugutekomme. «Denn gerade kleinere Museen bringen oft spannende, innovative Perspektiven ein, haben aber weniger Ressourcen, um sichtbar zu sein. Deshalb fördern wir gezielt ihre Beteiligung.»

Pagel setzt sich für einen europäischen Museumssektor ein, der gut auf die Zukunft vorbereitet ist und weltweit als Vorbild für den gesellschaftlichen Wert von Museen wahrgenommen wird. «Einen Sektor, der offen mit Veränderungen umgeht und keine Scheu hat, sich den grossen Fragen unserer Zeit zu stellen – von sozialem Zusammenhalt und Gerechtigkeit bis hin zu Nachhaltigkeit und Digitalisierung», sagt sie. «Gleichzeitig wünsche ich mir Museen als attraktive Arbeitgeber, in denen junge Menschen etwas bewirken können.» Internationale Zusammenarbeit müsse in Zukunft selbstverständlich sein, ein integraler Bestandteil musealer Arbeit, der den Alltag von Museen bereichere und stärke.