Wie haben sich die Arbeitsbedingungen, die Herausforderungen des Alltags, aber auch die Rolle und die Aufgaben des Museums über die Jahrzehnte gewandelt? Und wie werden sie sich in den nächsten Jahren wohl noch verändern? Diesen Fragen gehen wir nach und werfen im Drei-Generationen-Interview einen Blick in die Vergangenheit, auf die Gegenwart und in die Zukunft der Arbeit im Museumssektor.
Mit:
Bernard A. Schüle, 37 Jahre lang Kurator und Leiter des Objektzentrums im Schweizerischen Nationalmuseum, VMS-Präsident von 1999 bis 2008, mittlerweile im Ruhestand, Jahrgang 1955
Andrea Kauer Loens, seit 2017 im VMS-Vorstand, aktuell VMS-Vizepräsidentin
und Direktorin des Liechtensteiner Landesmuseums, Jahrgang 1976
Anthony Wyer, Fachmann für Information und Dokumentation im Museum für Kommunikation, Bern, Jahrgang 2000
Bernard, du hast Ethnologie studiert und dich damit als Kurator im damaligen Landesmuseum beworben. Heute gibt es alle möglichen beruflichen Hintergründe, die ins Museum führen können. Das hat sich vermutlich etwas verändert im Vergleich zu deinen Anfängen …
Schüle: Das hat sich deutlich verändert. Ich habe das im Lauf meiner Zeit erlebt, denn ich war mindestens 30 Jahre lang bei Museologie- Ausbildungen in der Schweiz als Dozent dabei. Die Studierenden erhalten dort ein Diplom, das ich selbst gar nicht habe. Wir kamen damals einfach von der Uni und waren im Grunde genommen nur Theoretiker.
Ist der Zugang zum Museum dadurch heute eher leichter oder schwerer?
Schüle: Ich denke, schwerer, denn die Anforderungen sind natürlich gewaltig gewachsen.
Anthony, als Vertreter der jungen Generation: Ist es schwer, heutzutage in der Museumsbranche zu starten?
Wyer: Ich gehöre einer Berufsgruppe an, die relativ neu im Museum ist. Da ist es tatsächlich nicht einfach, denn es gibt nicht so viele Stellen, aber ich bin zuversichtlich, dass es immer mehr geben wird.
Nimm uns doch mal mit. Was genau machst du, und was fasziniert dich daran?
Wyer: Fachleute für Information und Dokumentation arbeiten eigentlich meist in Archiven und Bibliotheken. Es ist recht neu, dass man diesen Beruf auch in der Museumswelt schätzt. Und was ich konkret mache: Wir haben im Museum eine Unmenge an Fotografien, die alle Metadaten enthalten. Also beispielsweise Informationen über den gezeigten Ort, die abgebildeten Personen, das Datum der Aufnahme, den Kontext oder auch den Fotografen oder die Fotografin. Diese Daten versuche ich zu strukturieren, das heisst, ich bringe zusammen, was zusammengehört, und trenne, was nicht zusammengehört. Ich mag dieses Pflegen der Daten, diese Ordnung. Und Museen sind wunderschöne Orte zum Arbeiten.
Andrea, als Direktorin hast du natürlich auch Personalverantwortung und bekommst mit, wie sich die beruflichen Hintergründe ändern.
Kauer Loens: Es hat schon eine ausgeprägte Professionalisierung stattgefunden in den letzten Jahren. Früher gab es noch nicht so viele spezifische Ausbildungsangebote, und man hat das dann so ein bisschen on the job gelernt. Das braucht es nach wie vor. Aber ich beobachte, dass die Leute heute schon bei der Bewerbung enorm qualifiziert sind und teilweise von weit her kommen. Das spricht dafür, dass es weiterhin nicht einfach ist, etwas zu finden.
Und woran liegt das?
Kauer Loens: Es gibt nicht viele Stellen. Ich kenne das selber auch. Da muss man dann bereit sein, vielleicht den Radius etwas weiter zu stecken oder den Wohnort zu wechseln. Ich habe aber vor 15 Jahren noch nicht so viele hochqualifizierte Bewerbungen aus dem Ausland erhalten. Und daran meine ich zu erkennen, dass sich vielleicht die Situation noch etwas zugespitzt hat.
Schüle: Ich denke, man sollte flexibel und offen sein und auch sagen: Okay, das hätte ich gerne gemacht, aber das interessiert mich eigentlich auch. Ich gehe mal in diese Richtung.
Kauer Loens: Und wir sprechen nicht nur über akademische Berufe. Museen sind ganz interdisziplinäre Betriebe, und das macht es ja so spannend. Wir haben bei uns Leute mit handwerklicher Ausbildung, die den Weg ins Museum gefunden haben, und solche, die aus der Hotellerie kommen. Was uns verbindet, ist die Freude am Museum.
Bleiben wir noch kurz bei neuen Berufsfeldern. Die Digitalisierung schafft nicht nur neue Jobs, sondern betrifft auch die bestehenden Strukturen. Wie ist die Branche hier aufgestellt, und wo gibt es noch Handlungsbedarf?
Kauer Loens: Wir sind in einer Zeit immenser Umbrüche. Vor einigen Jahren bedeutete Digitalisierung noch, dass wir eine Datenbank bekamen anstelle eines Zettelkatalogs, um unsere Objekte zu erfassen. Heute ist das gesamte Arbeitsfeld durchdrungen von Digitalisierung. Wenn ich etwa an den Bereich KI denke, sind wir alle noch Anfänger. Da sind wir gerade erst dabei zu lernen, welches Potenzial darin steckt oder wo die Grenzen liegen.
Wyer: KI entwickelt sich so rasant. Jeden Monat gibt es etwas Neues. Da kann man fast nur an einem Punkt sein, an dem man lernt.
Schüle: KI birgt aber auch Gefahren für die Museumswelt. Man muss wirklich am Ball bleiben, um weiterhin in der Lage zu sein, etwas zu zeigen, einen Reiz auf das Publikum auszuüben in einer Zeit, in der die Menschen ohnehin alles über KI abfragen können.
Die Handlungsfelder werden also immer grösser. Neben der Digitalisierung spielt auch das Thema Nachhaltigkeit inzwischen eine grosse Rolle. Dazu kommen soziale Fragen wie Inklusion, Barrierefreiheit und manches mehr. Andrea, wie erlebst du diese Entwicklungen?
Kauer Loens: Ich erlebe das als grosse Bereicherung. Wie Bernard sagte: Das Museum muss relevant bleiben, und ich denke, dass da eine riesige Chance liegt. Ich finde, das macht auch unsere Arbeit spannender und vielseitiger, und es hinterfragt die hergebrachten Rollen.
Man könnte es auch so sehen: Die Ansprüche an die Museen steigen, während die finanziellen und personellen Mittel nicht unbedingt immer Schritt halten, insbesondere in kleineren Museen.
Kauer Loens: Richtig, und das ist tatsächlich eine grosse Herausforderung. Da gehen wir nicht unbedingt auf einfachere Zeiten zu. Ich finde aber, dass ich gerade von den kleinen Museen ganz viel lernen kann, weil sie stärker gezwungen sind, ihre Ressourcen gut einzuteilen. Daraus entstehen sehr kreative Ideen.
Anthony, wie nimmst du diesen Druck wahr? Direktorinnen und Direktoren haben natürlich die Verantwortung für ihre Häuser, aber deine Generation wiederum hat noch verhältnismässig viele Arbeitsjahre vor sich. Machst du dir darüber auch Gedanken?
Wyer: Ja, natürlich. All diese Themen betreffen ja nicht nur die Museumswelt, sondern bewegen die Gesellschaft als Ganzes – und sicherlich auch die jungen Leute. Im Museum für Kommunikation ist das alles ein Thema. Sei es Nachhaltigkeit, Partizipation, oder seien es rassismuskritische Narrative – auch ein Projekt, das bei uns im Museum läuft. Da passiert viel, und es ist auch wichtig, dass es passiert. Aber natürlich: Es schafft Druck, und es fordert Ressourcen ein, die vielleicht ohnehin schon knapp sind.
Bernard, als du deine berufliche Laufbahn gestartet hast, hat man sich damals die Frage nach der Rolle eines Museums in der Gesellschaft überhaupt gestellt?
Schüle: Nein, man hat sich generell recht wenig Fragen gestellt, muss ich heute sagen. Man hat ein Thema gewählt für eine Ausstellung, weil die Kuratorin oder der Kurator an diesem Thema Freude hatte. Und dann hat man diese Ausstellung gemacht und gehofft, dass das Publikum auch Freude daran hat. Wir haben uns auch nicht gross gefragt, für welches Publikum wir arbeiten. Nachträglich muss ich sagen: Wir waren hier im Landesmuseum teilweise viel zu wissenschaftlich und haben Ausstellungen gemacht von Kuratoren für Kuratoren. Heute wird das Publikum befragt, und Besucherzahlen werden analysiert.
Und das ist gut so?
Schüle: Auf jeden Fall.
Anthony, für wen ist das Museum heute?
Wyer: Ich denke, das Museum ist heute für alle. Das wäre zumindest das Ziel. Ob es das schon überall ist, ist eine andere Frage.
Andrea, ist das Museum für alle? Und wie können wir dieses Ziel erreichen?
Kauer Loens: Ja, natürlich. Aber wir erreichen natürlich nicht alle Zielgruppen gleich, und vielleicht werden wir das auch nie. Deshalb ist es mein Anspruch, dass wir gerade dorthin schauen, wo wir eben noch nicht gut sind. Also noch viel spannender und aufschlussreicher als die Befragung von Besuchenden ist die Befragung von Nicht-Besuchenden. Wie können wir zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund stärker einbinden, wie erreichen wir junge Erwachsene besser? Wie werden wir inklusiver, barrierefreier? Das sind für uns wichtige Fragen im Moment, und da haben wir schon noch Luft nach oben.
Apropos Zukunft: Nachdem wir nun viel über Vergangenheit und Gegenwart gesprochen haben, lasst uns noch einen Blick in die Zukunft wagen. Die letzten Jahre waren geprägt von einer Art exponentiellem Wachstum in Bezug auf gesellschaftliche Veränderungen, Themen- und Handlungsfelder im Museum. Was erwartet ihr von den kommenden Jahren? Wie wird es weitergehen?
Wyer: Ich denke nicht, dass es weniger schnell vorwärtsgehen wird. Wir haben darüber gesprochen: Allein im Bereich KI passiert jeden Monat etwas Neues, und das wird sicher eine aufwühlende Sache werden in der Museumslandschaft, wie in der ganzen Gesellschaft. Es wird neue Fachkräfte brauchen, es wird neue Skills brauchen, neues Wissen – und, ja, es wird wahrscheinlich viel kosten, das aufzubauen. Hier ist es wichtig, dass man zwischen den Museen Synergien schaffen und zusammenarbeiten kann.
Freust du dich darauf, oder blickst du mit Sorge auf diese Entwicklung?
Wyer: Beides. Es ist sicherlich ein bisschen Angst: Wie sieht die Zukunft aus? Gibt es dort einen Platz für mich? Gibt es da einen Platz für die Leute, mit denen ich zusammenarbeite? Wie sieht das Museum von morgen aus? Das sind Fragen, die wir nicht abschliessend beantworten können. Aber ich denke, es kann auch sehr viel Gutes bringen.
Kauer Loens: Gerade in dieser Zeit der schnellen Entwicklung und der immer wieder aufkommenden Frage nach der Qualität von Informationen haben die Museen einiges zu bieten, und ich hoffe, dass diese Basis nicht aus dem Blick gerät: unsere Sammlungen, unsere Forschungsarbeit, aber auch unsere Kompetenzen, beispielsweise als ausserschulische Lernorte. Dem sollten wir unbedingt Sorge tragen.
Schüle: Museen haben etwas Handfestes, und das unterscheidet sie von dem rein Digitalen. Ich hoffe, dass die Gesellschaft das Interesse daran nicht verliert. Da haben die Museen noch eine Rolle zu spielen, aber sie müssen sich verteidigen.
Moderation: Timo Landenberger