Mit verschiedenen Initiativen wie Massnahmen zum barrierefreien Zugang oder gemeinsam mit dem Publikum geschaffenen Konstruktionen setzt das Musée international de la Croix-Rouge et du Croissant-Rouge (Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum) die sieben Grundprinzipien der Bewegung, die es in seinen Ausstellungen präsentiert, in konkrete Aktionen um. Ich besuche es in Begleitung von Pascal Hufschmid, dem Leiter des Museums, und Alice Baronnet, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.
Beim Spaziergang durch den Bereich, in dem die Familienbande des Musée international de la Croix-Rouge et du Croissant-Rouge (MICR) rekonstruiert sind, begegne ich einem jungen chinesischen Paar. Als ich frage, warum sie beschlossen haben, dieses Museum zu besuchen, scrollt die junge Frau frenetisch auf ihrem Handy herum, bis sie das Bild gefunden hat, das sie mir zeigen möchte. Sie dreht das Display zu mir und ich sehe ein Foto ihres Arms, der mit einem kleinen Schlauch als Venenstau abgebunden ist. «Ich war zum ersten Mal in meinem Leben beim Blutspenden. Ich finde, ehrenamtliche Arbeit und humanitäre Aktionen sind für unsere Gesellschaft extrem wichtig.»
Genau wie die junge Chinesin geht auch das MICR von Worten zu Taten über, indem es die Grundprinzipien der Menschenrechte auf einer Fläche von 4’000 Quadratmetern präsentiert. Die 24 Führerinnen und Führer (die meisten sind Frauen) sind zum Beispiel alle ehrenamtlich tätig. Für Direktor Pascal Hufschmid, der das Museum seit 2019 leitet, ist ihre freiwillige Arbeit eine Entscheidung, die im Einklang mit seiner Vision eines Museums steht: Es lebt die Werte vor, die es dem Publikum präsentiert. «Wir würden es uns zu einfach machen, wenn wir, als ein Museum zu den grossen Prinzipien der Menschlichkeit, uns nicht die Frage stellen würden, wie wir uns sowohl als Museum als auch als Unternehmen verhalten und welchen Einfluss wir auf unsere Gesellschaft haben.»
Im Zusammenhang mit diesem Ansatz erhielt das MICR übrigens im Jahr 2021 als erstes Museum das Swiss LGTBI-Label, «um klarzumachen, dass Sie hier so sein können, wie Sie sind und wir darauf stolz sind. Punkt.», unterstreicht Pascal Hufschmid. «Das soll auch das Leiden mindern, das entsteht, wenn Menschen ihre Identität am Arbeitsplatz nicht voll ausleben können.» Es geht als darum, das Leid aller Menschen zu verhindern und zu lindern, nach den Prinzipien der Menschlichkeit, die das Herz der internationalen Menschenrechte bilden.
Ein Dialogforum
Am Hügel gelegen, auf dem das Gebäude des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz thront, gegenüber dem europäischen Sitz der Vereinten Nationen, empfängt das MICR täglich ein ausgesprochen breit gefächertes Publikum; es steht der Herausforderung gegenüber, seine Botschaft sowohl Grundschulkindern als auch Staatschefs auf protokollarischem Besuch zu vermitteln. Pascal Hufschmid erklärt, die Lösung liege darin, sich eine zuhörende Haltung anzueignen. Sein Anliegen: ein Museum, das vom Monolog ablässt und lieber Dialog- und Interaktionsmöglichkeiten schafft. «Wir reflektieren inzwischen wirklich gemeinsam mit den Menschen und wollen klarmachen, dass alle das Recht haben, hierher zu kommen», unterstreicht er.
Zeuge dieses Engagements ist ein vom MICR veröffentlichtes Buch mit 5’000 Botschaften der Menschen, die zu Besuch waren, aber auch die allererste KünstlerInnenresidenz in diesem Museum, die auf einem Modell der Ko-Kreation basiert. Im Atelier, einem Raum neben dem Museumscafé, der kostenlos besucht werden kann, richtet sich diejenige kunstschaffende Person sechs Monate lang ein, die den Prix Art et Humanité gewonnen hat, und arbeitet an einem Werk, zu dem alle ihren Beitrag leisten können. In diesem Jahr produzierte die iranische Künstlerin Zahrasadat Hakim mit der Hilfe der Besucherinnen und Besucher einen grossen Wandbehang, der Eingang in die Museumskollektion finden wird.
Alice Baronnet ist begeistert, dass diese Chance einer grossen Anzahl von Personen geboten werden kann: «Es ist wirklich eine tolle Gelegenheit, einem Künstler oder einer Künstlerin in Residenz zu begegnen und gemeinsam ein Werk zu schaffen. Ich denke, das gibt es nicht so oft.» In diesem teilhabenden Publikum sieht sie auch Besuchende, die wiederkommen. «Die sagen sich: ‘Los, gehen wir wieder ins Museum und sehen uns das Werk an, das wir zusammen mit anderen Personen geschaffen haben, die wir nicht kannten, und mit dem Künstler, mit dem wir uns unterhalten und austauschen konnten!’, und das Werk in der Ausstellung zu sehen macht ja auch uns stolz auf das, was wir organisiert haben.»
Die Teilnahme der Gäste war auch ein zentrales Element, als es darum ging, die Besucherräume neu zu gestalten. In achtzehn Monaten sammelte das Museum 8’000 Ideen seines Publikums, dann wurden diese analysiert und bei der Konzipierung eines CO2-neutralen Konzepts mit einbezogen. «Für alle, denen die Linderung menschlicher Not am Herzen liegt, ist es am wichtigsten, Situationen nicht zu verschlimmern», erklärt der Direktor. «Als Museum, das seine Besucherräume neu gestalten möchte, dürfen Sie Ihren CO2-Fussabdruck nicht verschlechtern. Also werden Sie das erste Museum in der Schweiz, das diese Räume in Kreislaufarchitektur und auf tatsächlichen Bedürfnissen basierend umbaut.»
Alle sind willkommen
Das MICR freut sich über Besuch aus allen Altersstufen, Nationalitäten, kulturellen Hintergründen und mit allen Besonderheiten. Das Museumsteam arbeitet unvoreingenommenund stellt sicher, dass jede Person den Besuch auf ihre Weise und je nach ihren Bedürfnissen erleben kann. Es wurden zahlreiche Massnahmen eingeführt, um eine möglichst universelle Barrierefreiheit zu garantieren.
Neben Audioführern in neun Sprachen, Rollstühlen und Klapphockern in Selbstbedienung sowie einer Magnetfeld-Hörschleife mit Audiobeschreibung für Träger von Hörgeräten wird der umfassend inklusive Ansatz auch durch Führungen in Gebärdensprache und sogenannte Relax-Besuche umgesetzt. Bei Letzteren sind alle Arten der Reaktion und Interaktion willkommen und Besuchende mit spezifischen Bedürfnissen werden mit einem «Sensorik-Säckchen» ausgestattet, das nützliche Gegenstände wie Gehörschutz-Kopfhörer, einen Antistressball oder Emotionskarten enthält. Mit deren Hilfe können sie die Ausstellung vollkommen unabhängig und in aller Ruhe erleben.
Aber erst einmal müssen die Personen das Museum besuchen wollen und können. Um auch finanzielle Barrierefreiheit zu bieten, ist jeder erste Sonntag im Monat ein Sonntag der Solidarität mit reduziertem Eintrittspreis, und Besuchende können eine sogenannte «aufgeschobene Eintrittskarte» nutzen. «Wie beim ‘aufgeschobenen Kaffee’ in einer Bar besteht jeden Tag die Möglichkeit für die Besuchenden, am Kartenschalter im Voraus eine Eintrittskarte für eine Person mit den fehlenden finanziellen Möglichkeiten zu bezahlen und zu hinterlegen», erklärt Alice Baronnet. «Diese ‘aufgeschobenen’ Karten werden dann an ein Dutzend Partnervereine verteilt, die sie an interessierte Bedürftige weitergeben.» 2024 konnten dank dieser Methode und der Grosszügigkeit der Spender 1’942 Menschen das MICR erleben.
Lernen und Wissen weitergeben
Das Museum praktiziert seinen Ansatz, Wissen zu vermitteln, auch ausserhalb seiner Ausstellungsräume. Zu seinen Massnahmen zur Barrierefreiheit gehören die «Bilderflüsterer», Führerinnen und Führer, die blinde oder sehbehinderte Menschen durch die Ausstellung begleiten. Das MICR bot aber darüber hinaus dreizehn öffentlichen Institutionen an, weitere Freiwillige in dieser Kunst der Beschreibung für alle, die nicht sehen können, auszubilden. «Bisher haben wir mit Partnern der französischen Schweiz gearbeitet, würden die Initiative aber gerne darüber hinaus verbreiten. Es ist schön, dass wir diesen Service anbieten, aber es wäre noch schöner, wenn er auch anderswo verfügbar wäre», erklärt Alice Baronnet.
Um diesen Willen zur Solidarität im kulturellen Bereich, aber auch innerhalb des Teams seines Museums zu verwirklichen, weist Direktor Pascal Hufschmid auch auf die Initiative «lunch and learn» hin: Wenn Mitarbeitende ausserhalb des Museums tätig sind, um zum Beispiel eine Wanderausstellung zu begleiten oder an einer Konferenz teilzunehmen, wird bei ihrer Rückkehr ein Mittagessen mit dem gesamten Team organisiert, bei dem sie ihre neuen Kenntnisse und Erfahrungen mit allen Kolleginnen und Kollegen teilen, was die Einigkeit innerhalb des Teams stärkt.
Ein stets aktives Museum
Da es dem Museum gelungen ist, sich die nötige Unterstützung zu sichern, um im Jahr 2028 den 40. Jahrestag seiner Gründung zu feiern – und dies trotz der angekündigten Sparmassnahmen der Eidgenossenschaft, die aktuell zu einem Viertel des Budgets des MICR beiträgt –, blickt Direktor Pascal Hufschmid optimistisch in die Zukunft. «Wir sind beständig bemüht, unsere Einkommensquellen zu diversifizieren, denn wir sind eine Privatstiftung. Das Museum kann auf öffentliche Beiträge zählen, aber wir sind trotzdem sehr aktiv im Sponsoring und verwalten unsere Ressourcen geschickt.»
Diese Diversifizierung der Einnahmen sichert unter anderem das Fortbestehen der Institution, die zusammenarbeitet «mit einer enormen Anzahl von Partnern, Kontakten, Verbündeten und Unterstützenden, die ebenfalls daran interessiert sind, das das Museum weiter am Leben bleibt», meint Hufschmid. Überzeugt von der Universalitätder Botschaft, die das Museum von Genf aus verbreitet – der Stadt, in der die gleichnamigen Konventionen unterzeichnet wurden, Pfeiler der internationalen Menschenrechte, auf die sich auch das Rote Kreuz stützt –, lädt er alle ein, diesen Ort zu besuchen, der so viel mehr ist als eine einfache Sammlung von Objekten, die zum UNESCO-Welterbe gehören.
Das MICR in Zahlen (Stand 2024)
- 117’335 Besucherinnen und Besucher (davon 67% international)
- 2’556 Gäste bei den Solidarischen Sonntagen
- 35 Besuche von Staatschefs mit 689 Personen
- 11 Partnerschaften mit Bildungseinrichtungen
- 7 Ausstellungen
- 1 Million Klicks auf Facebook
Autorin
Céline Stegmüller, Journalistin, arbeitet seit 2018 bei SWI swissinfo.ch, wo sie vor allem Videos r